Auf einen Espresso Über die Macht des Vatikans - und die Macht der Liebe

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO der Ringier AG.
© Thomas Buchwalder Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO der Ringier AG.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, was für einen Papst braucht die Welt?
Die Welt braucht keinen Papst, die katholische Kirche dagegen schon.

Gut, was für einen Papst braucht die katholische Kirche?
Die Antwort ergibt sich aus dem Scheitern von Benedikt XVI.

Weshalb? Woran ist er gescheitert?
Dieser zutiefst fromme bayerische Theologieprofessor vermochte seinen Glauben nie ganz in Übereinstimmung zu bringen mit dem Macht-Zynismus seiner Kirche.

Erklären Sie!
Um es ganz verkürzt zu sagen: Joseph Ratzinger hat wirklich geglaubt; er hat von seinem Glauben auch nicht lassen wollen angesichts eines Amtes, in dem es vor allem darum geht, katholisch zu sein – und zwar auf Teufel komm raus. Macht auszuüben in diesem globalen Esoterik-Konzern, heisst heute nichts anderes als die Unterordnung des Glaubens unter die Institution der römischen Kurie. In den Gärten des Vatikans wird der einfache Pilger Benedikt seine Hingabe an Gott künftig unbelastet von allen unheiligen Zwängen des katholischen Weltenlaufs pflegen können.

Das Amt formt den Papst, nicht der Papst das Amt, wenn ich Sie richtig verstehe.
Wie das Beispiel Joseph Ratzingers zeigt, verschlingt es den Menschen, der in der Sixtinischen Kapelle erkoren wird. Und macht aus ihm einen Papst. Bei Benedikt aber ist diese Wandlung nicht vollständig gelungen. Er blieb irgendwie dissident, auf stille Weise widerspenstig.

Sie sind seit Jahrzehnten ein vehementer Kritiker der katholischen Kirche. Vielleicht fehlt Ihnen am Ende einfach der Respekt.
Richtig ist, lieber Marc Walder, dass ich mich schon lange und immer wieder mit dem System des Katholizismus auseinandersetze. Schliesslich sieht er sich ja als die einzige wirkliche Kirche. Seine Geschichte ist aufs Engste verwoben mit der Geistesgeschichte der abendländischen Welt, leider auch mit der politischen Unterdrückungsgeschichte. Die Kirche hat sich immer wieder und überall mit den Mächtigen gegen die Ohnmächtigen verbündet, sei es in Südamerika mit den Militärregimes von Videla bis Pinochet, sei es in Westeuropa mit faschistischen Diktaturen von Franco bis Salazar, sei es – noch früher, noch blutbefleckter – durch Konkordate mit Mussolini und Hitler. Der katholische Widerstand gegen Ausbeutung, Unterdrückung und Totalitarismus ging allzu oft von isolierten Gruppen katholischer Gläubiger aus, im besten Fall unter Anleitung fortschrittlicher und gerechtigkeitsbeseelter Priester oder Bischöfe, die für ihren Mut dann auch noch von den Kirchenoberen im Vatikan abgekanzelt wurden.

In Ihrer Gedankenwelt hat der neue Papst also schon verloren, bevor er sein Amt antritt.
Nicht unbedingt. Mit seiner theologischhistorischen Jesus-Biografie hat Benedikt XVI. dem nächsten Papst bereits den Weg gewiesen. Jesus Christus verkörpert die Botschaft der Liebe, nicht der Macht. Jetzt könnten Sie mir entgegnen, lieber Marc Walder, dass die Liebe doch die grösste Macht sein könne. Stimmt – wenn man nur wirklich an sie glaubt!

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