Auf einen Espresso Über die Manager-Kaste und den neuen Klassenkampf

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
Marc Walder, 47, ist CEO der Ringier AG. Frank A. Meyer, 68, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin.
© Thomas Buchwalder Marc Walder, 47, ist CEO der Ringier AG. Frank A. Meyer, 68, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, die Schweizer haben Ja gesagt zur Abzocker-Initiative, nun redet die ganze Welt darüber. Kanzlerin Angela Merkel hat unser Land sogar gelobt. Wird die Schweiz jetzt international zum Vorbild?
Das Ja vom 3. März befeuert tatsächlich die Diskussion über Managergehälter in der gesamten westlichen Welt. Das hat vor allem damit zu tun, dass in der Schweiz die Bürgerinnen und Bürger entschieden haben – nicht die Regierung, nicht das Parlament. Das ist das Besondere, fürs Ausland fast schon Exotische an dieser Abstimmung.

Nicht nur dies ist so besonders oder – wie Sie sagen – exotisch. Sondern wohl auch die Tatsache, dass die urkapitalistische Schweiz derart kritisch gegen Manager Stellung bezieht.
Das ist nur scheinbar ein Widerspruch. Mit seinem überwältigend klaren Verdikt gegen die Abzockerei stellt sich das Volk vor die soziale Marktwirtschaft, verteidigt also ein kapitalistisches System – aber eben ausdrücklich nur dessen sozial verantwortungsvolle Variante. So gesehen ist die Abzocker-Initiative sogar ein prokapitalistisches Statement!

Sie übertreiben, lieber Frank A. Meyer ...
Ich übertreibe überhaupt nicht! Niemand hat den Kapitalismus derart in Verruf, gar in Bedrängnis gebracht wie die globale Manager-Kaste. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass ein mittelständischer Unternehmer gegen ihre Exzesse aufbegehrte, dass er fünf Jahre lang für diese Initiative gekämpft hat – und dass er in diesen fünf Jahren auch nicht den Schalmeienklängen und taktischen Winkelzügen Blochers erlag, sondern unbeirrt auf einer Entscheidung des Volkes beharrte. Der Trybol-Patron Thomas Minder, der mit eigenem Geld arbeitet, der sein eigenes Geld riskiert, konnte und wollte die gierige Selbstermächtigung von Leuten nicht länger ertragen, die nur fremdes Geld aufs Spiel setzen, dafür aber Millionengehälter und Prämien einstreichen.

Und was bringt Sie auf den Gedanken, dass dieser radikale Eingriff in die Vergütungspraxis von Unternehmen prokapitalistisch sein soll?
Ich kann es Ihnen gerne noch ein wenig deutlicher vor Augen führen.

Bitte doch!
Die Verzerrung, die wir in letzter Zeit bei Leistungen und Gehältern erlebt haben, bei Risiken und Boni – wie jetzt gerade wieder bei UBS –, zerreisst unsere Gesellschaft. Einen klaren Beleg dafür liefert das Abstimmungsresultat vom 3. März. Dieses überwältigende Ja steht für mehr als nur den Kampf gegen überrissene Boni.

Der freisinnige Nationalrat Ruedi Noser erklärt: «Es geht um Klassenkampf.»
Noser meint natürlich den klassischen Klassenkampf: Proletarier gegen Produktionsmittelbesitzer. Diese Schlachtordnung ist längst Geschichte. Aus den Proletariern sind Bürger geworden, die sich verantwortungsvoll für unsere freie und eben auch kapitalistische Gesellschaftsordnung einsetzen. Verantwortungsvoll heisst kritisch. Doch zeichnet sich tatsächlich ein neuer Klassenkampf ab. Die Abzocker-Initiative macht die Fronten deutlich: Unternehmertum gegen Nehmertum.

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