Auf einen Espresso Über die Relevanz der Schweizer Illustrierten

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
FRANK A. MEYER, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. MARC WALDER, 46, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
© Thomas Buchwalder FRANK A. MEYER, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. MARC WALDER, 46, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, Sie haben Ihre journalistische Karriere für das Haus Ringier bei der Schweizer Illustrierten begonnen, die jetzt den hundertsten Geburtstag feiert. Wie kam es eigentlich dazu?
Hansjürg Deutsch, besser bekannt unter seinem Kosenamen «Fibo», holte mich 1971 als freien Bundeshaus-Redaktor zur SI. Fünf Jahre zuvor hatte ich begonnen, für das Bieler Medienbüro Cortesi zu arbeiten, dessen Partner ich war und blieb … Der Widerstand war übrigens erheblich.

Welcher Widerstand?
Widerstand von oben, von ganz oben. Heinrich Oswald, damals Direktionspräsident von Ringier, beschwerte sich über einige meiner Artikel. Nach einer Weile befand er aber, was ihm da missfalle, sei wenigstens gut geschrieben – und nicht dumm. Oswald war einer der wenigen Rechtsintellektuellen, denen ich begegnet bin.

Und? Was haben Sie bei der Schweizer Illustrierten so alles verbrochen?
Fibo und ich versuchten ganz gezielt, die politische Relevanz des Blattes zu steigern. Durch die Personalisierung der Politik. Meine erste siebenseitige Geschichte handelte vom freisinnigen Tessiner Bundesrat Nello Celio, einer faszinierenden und brillanten Figur. Ich besuchte ihn und seine wunderschöne Frau zu Hause. Es waren die ersten privaten Bilder eines Bundesrates, die eine breite Öffentlichkeit zu Gesicht bekam.

Die Homestory war geboren.
Der Begriff «Homestory» trifft es nicht ganz.

Erklären Sie!
Meine Geschichten waren politisch. In ihrer heimischen Kulisse wurden die Politiker menschlicher, offener. Sie vertrauten mir Dinge an, die sie in ihrem Berner Bundeshausbüro nie offenbart hätten. Sie wussten, dass ich ihr Vertrauen nicht missbrauchen würde. Von Nello Celio lernte ich übrigens, Risotto zu kochen und Pasta-Saucen zuzubereiten.

Diese Form von Storys war damals völlig neu für die Schweiz.
Ja, sie veränderte den Journalismus. Zunächst allerdings begleitet von der gehässigen Kritik so mancher Kollegen. Die politische Bedeutung der Schweizer Illustrierten nahm gerade durch diese neue Form der Story zu. Wir zeigten Willi Ritschard beim Kopfsprung ins Schwimmbad, doch der Inhalt seines Porträts war durch und durch politisch. Ich versuchte immer, die Persönlichkeit in einem politischen Zusammenhang zu sehen. Sie politisch zu entdecken.

Höre ich da etwa eine leise Kritik heraus? Wie erleben Sie die Schweizer Illustrierte heute?
Ich blättere sie mit grosser Sympathie durch - und mit skeptischer Verwunderung.

Mit skeptischer Verwunderung?
Von der gesellschaftlichen Relevanz hat sich die Schweizer Illustrierte weitgehend in die private Relevanz zurückgezogen. Sie beschreibt Menschen losgelöst von ihrem sozialen, kulturellen und politischen Kontext. Immerhin zeigt sie die Menschen. Dadurch wirkt sie für ihre Leser identitätsstiftend – und ihre Leser sind fast alle Deutschschweizer.

Die SI ist seit Jahrzehnten enorm erfolgreich. Warum eigentlich?
Sie ist das angehaltene Bild: Prominente Persönlichkeiten, die täglich über den Fernsehschirm huschen, bleiben in der Schweizer Illustrierten stehen. Die Leser können sie in aller Ruhe betrachten, auch das geschriebene Porträt ist ja das angehaltene Bild eines Menschen. Darin liegt ein tiefer Wert des illustrierten Journalismus.

Was wünschen Sie der Schweizer Illustrierten für die Zukunft?
Dass sie die Gesellschaft und die Zeit und die Welt so ernst nimmt, wie die Menschen ihre Gesellschaft und ihre Welt in diesen ernsten Zeiten nehmen müssen.

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