Auf einen Espresso Über die Unantastbarkeit unserer Kultur

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
© Thomas Buchwalder Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, Schweizer Rechtsprofessoren propagieren in der «NZZ am Sonntag» die Idee, Elemente des islamischen Eherechts in der Schweiz einzuführen, darunter das Recht des Mannes auf mehrere Frauen. Was sagen Sie dazu?
Von der Sache halte ich nichts. Von den Professoren, die das vortragen, noch weniger.

Die Zürcher Juristin und ihr Freiburger Kollege, ein Religionsrechtler, begründen das Ansinnen mit der Multikulturalität, der sich auch die Schweiz zu stellen habe. Ist das denn so verfehlt?
Damit wird unsere schweizerische, ja sogar unsere europäische Rechtswelt auf den Kopf gestellt: Nicht die Migranten und ihre Familien sollen sich anpassen. Sondern wir. Das heisst: Unsere moderne Eherechtsordnung soll zurückgedreht werden. Zum Beispiel will der Freiburger eine Heirat vor dem Imam möglich machen – statt vor dem Standesbeamten. Er möchte auch die Eheschliessung allein vor dem Priester wieder legalisieren.

Das Schweizer Familienrecht, so empfehlen die beiden Wissenschaftler, solle auch andere Vorstellungen von Familie und Ehe legalisieren. Das tönt ja zumindest nicht ganz unüberlegt.
Unsere Vorstellung von Ehe und Familie als Rechtsgemeinschaft basiert auf der vollständigen Gleichberechtigung der Frau – und natürlich auch der Töchter. Diese Gleichstellung musste den Kirchen in einem langen Prozess der Aufklärung, der Revolution und der Entwicklung von Demokratie wie Rechtsstaat abgerungen werden. Konservativen und patriarchalisch eingestellten Christen passt das ebenso wenig wie den Muslimen. Die moderne Vorstellung von Ehe und Familie gehört aber zum unverhandelbaren Gleichheitsgut unserer säkularen Gesellschaft. Wer da islamische Ehe-und Familienvorstellungen zum Recht erheben will, der will zurück in eine von Männern dominierte Gesellschaft.

Die Professoren wollen doch nur, dass Migranten in der Schweiz und in Europa ihre Kultur und ihre Religion weiterleben dürfen.
Das ist nun wirklich die komplette Verharmlosung der fundamental-fatalen Forderung, dass unser Recht nicht gelten soll für Migranten, die dieses Recht nicht akzeptieren. Das unsererseits zu akzeptieren, hiesse: Das Recht wird relativiert. Gleichheit und Freiheit und unser Recht, das diese beiden höchsten Werte schützt, sind aber nicht teilbar. Wer sie teilt, zerstört sie – mutwillig oder aus Unbedachtheit, welche ich bei den zwei Juristen als mildernden Umstand in Rechnung stellen möchte.

Sie sind äusserst … sagen wir: dezidiert bei diesem Thema!
Weil ich weiss, worum es geht: Die Ehe- und Familienvorstellung des Islam ist strikt patriarchalisch. Sie gründet auf Ungleichheit, auf Unterdrückung. Der Mann ist der Frau und den Töchtern vorgesetzt, als Gatte, als Bruder, als Onkel, sogar als Sohn. Oft wird Brautgeld entrichtet, womit der Mann das Recht zur sexuellen Nutzung seiner Frau erwirbt. Sie kann von ihm mühelos verstossen werden. Die Vielfrauenehe ist ein weiterer Ausdruck der Herabsetzung.

Wieso zählen Sie das jetzt alles einzeln auf?
Weil die Konfrontation mit unserem Ehe- und Familienrecht für viele islamische Migranten die grösste Herausforderung in unserer durch Freiheit und Gleichberechtigung geprägten Gesellschaft bedeutet. Für die Migrantinnen dagegen – seien sie Mütter oder Töchter – bedeutet unser Ehe- und Familienrecht Befreiung. Auch dann, wenn es manchen von ihnen wegen mangelnder Bildung, aus Gründen der Tradition oder wegen ihrer tagtäglichen Unterdrückung durch Männer nicht immer bewusst ist.

Was wäre zu tun?
Wir müssen darauf drängen, dass eingewanderte Frauen ihre Rechte kennenlernen. Und darauf, dass sie diese Rechte mit unserer Hilfe auch durchsetzen können. Das ist wahre Integration.

 

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