Auf einen Espresso Über die ungemütliche Geborgenheit der Schweiz

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
© Thomas Buchwalder Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, in den Kindergärten des Kantons Zürich soll demnächst «grundsätzlich in Mundart» unterrichtet werden. Was halten Sie von diesem Volksentscheid?
Er passt zu Zürich.

Meinen Sie das im Ernst?
Zürich ist zwar eine Metropole im Kosmos der Finanzwirtschaft. Gleichzeitig aber ist Zürich eine provinzielle Stadt.

Provinziell?
Zürich genügt sich selbst, und das ist ja auch verständlich: Wer in Zürich lebt, hat alles vor der Haustür. Er muss nicht nach Solothurn, er muss nicht nach Basel, er muss schon  gar nicht nach Genf, ebenso wenig muss er nach Berlin oder Mailand oder Paris. Zürich bietet, was das Herz begehrt. Nur eben nicht die Welt.  

Und was hat das mit dem Volks-Nein zum Hochdeutsch  im Kinder­garten zu tun? Der Entscheid entspringt einem Geborgenheitsreflex,  der in den letzten Jahren die gesamte Deutschschweiz erfasst hat. In Zürich findet dieser Reflex nur seinen  radikalsten Ausdruck. Nicht von ungefähr ist Zürich die Hauptstadt der rechtspopulistischen Bewegung. Deren Vertreter haben den kulturellen Isolationismus an ihre Fahnen geheftet – und bei Wahlen und Abstimmungen Erfolg damit gehabt.

Wir sollten diese Tendenzen ernst nehmen.  
Wir sollten sie vor allem bekämpfen. Der Kindergarten- Entscheid bedeutet ja nichts anderes, als dass Kinder im aufnahmefähigsten Alter von ihrer Kultursprache abgeschnitten werden. Denn wir sind Teil des deutschen Kulturraumes, wie die Westschweizer Teil des französischen Kulturraumes sind und die Tessiner des italienischen. Das ist ja gerade das Faszinierende an der Schweiz! Abge­sehen davon, dass es den ­Kindern enormen Spass macht, eine neue Sprache, eine neue Wortwelt zu entdecken.  Das Schweizerdeutsch war ja nie gefährdet und ist auch heute nicht in Gefahr. Wir bringen die Kinder jetzt um eine wichtige frühe Kultur-Chance.  

Haben Sie denn gar kein Verständnis für diese instinktive  Angst, diesen Abwehrreflex? Die Zuwanderung, gerade aus Deutschland, ist doch enorm …  
Die Deutschen, die zu uns kommen, gehören zu unserer Kultur. Und wir gehören zu ihrer. Wir haben mit ihnen die Schriftsprache gemeinsam, die Sprache der Universitäten, die Sprache der Zeitungen, die Sprache der Literatur.  Was soll diese Angst? Letztlich ist es eine Angst vor uns selbst: vor uns als Bürgerinnen und Bürger Europas. Wir sind aufgefordert, in Europa mitzu­denken, mitzureden, mitzumachen. Vorletzten Montag wurde im Berliner  Ensemble, dem ehemaligen Theater von Bertolt Brecht, der 100. Geburtstag von Max Frisch gefeiert. Die Schweizer Botschaft organisierte den Anlass. Das heisst, die offizielle Schweiz präsentierte den Zürcher Max Frisch voller Stolz  als ihren Weltliteraten – keine 24 Stunden nachdem sich die Zürcher für das nahezu vollständige Verbot des Hochdeutschen im Kindergarten entschieden hatten.  

Was wollen Sie damit sagen?  
Irgendwie passen wir nicht mehr zur Welt. Und sind dabei natürlich der Überzeugung: Die Welt passt nicht zu uns!  Das ist nun wirklich ein bisschen weit hergeholt!  Überhaupt nicht, lieber Marc Walder! Ich gebe Ihnen ein aktuelles Beispiel: Die Schweiz landete am Eurovision Song Contest auf dem letzten Platz. Mit einem schönen Lied und einer schönen Frau wurden wir Letzte. Was heisst das?  Die Schweiz gewann weniger emotionale Zustimmung als alle anderen. Das ist auch eine Bilanz. Die Welt denkt an die Schweiz nur noch im Zusammenhang mit Reichtum und Geld. Die Schweiz ist für die Welt eine kalte Nation geworden.

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