Auf einen Espresso Über die Verachtung der Urlauber für ihre Gastgeber

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
© Thomas Buchwalder Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, Sie sind ja bekennender Europäer: Haben nicht sogar Sie manchmal Angst, dass Griechenland, Spanien, Portugal und Italien Europa in den Abgrund reissen?
Sie sagen Griechenland, Portugal, Spanien und Italien – und meinen den Süden. «Der Süden», das ist der Begriff, über den neuerdings vor allem im deutschsprachigen Norden ungehemmt gelästert wird, auch in der Schweiz.

Kein Wunder: Die Problematik, unter der Europa zu zerbrechen droht, ist ja in den südlichen Mitgliedsländern entstanden.
Die Pauschalisierung «Der Süden» aber trifft das Problem natürlich nicht.

Sondern?
Die Nationen, die Sie aufzählen, haben ganz unterschiedliche Probleme. Nur zwei Beispiele: Spanien leidet unter einer Immobilienblase, ganz ähnlich wie 2007 und 2008 die Amerikaner; trotzdem liegt in Spanien die Privatverschuldung niedriger als in der Schweiz. Zweites Beispiel: Italien ist immer noch Nettozahler der EU; seine Wirtschaft ist nach wie vor wettbewerbsfähig. Aber lassen wir die Ökonomie für einen Augenblick beiseite. Reden wir über die kulturelle Dimension des Problems: über die Verachtung, die dem Süden entgegenschlägt. Nicht zuletzt in den Medien.

Wo sehen Sie Anzeichen dafür?
Es empört mich, wenn ich in der «Neuen Zürcher Zeitung» vom «orientierungslosen Lamentieren» des «Euro-Südens» lesen muss. Es macht mich wütend, wenn das deutsche Blatt «Die Welt» von «Südeuropas Plärren» schreibt und wenn dieselbe Zeitung den Süden «die Kühle spüren lassen will, die Angela Merkel nachgesagt wird». Die nämlich wirke «erfrischend für aufgeheizte Köpfe». Da wird mit Wörtern und Wörtchen und Sätzen und Sätzchen die Wahrnehmung des Südens durch den Norden vergiftet.

Basis dieser Kritik ist die desaströse Lage dieser Länder.
Noch vor zehn Jahren galt die wirtschaftliche Lage von Deutschland als desaströs. Spanien dagegen wurde wegen seines Booms, der eben leider nur ein Immobilienboom war, über den grünen Klee gelobt. Und Irland, eine doch sehr nördliche Nation, galt in Anspielung an die südostasiatischen Tigerstaaten als «Tiger Europas», als Heldennation der neoliberalen Dagobert-Duck-Ideologie. Inzwischen ist der Tiger zum Bettvorleger geworden: ökonomisch am Boden, hochverschuldet, deprimiert. Stabil ist auf der grünen Insel nur noch die Wahrscheinlichkeit von Regenfällen.

Sie verharmlosen die Probleme. Oder andersrum: Sie reden sich den Süden schön.
Genau, lieber Marc Walder! Ich mache, was Abermillionen Urlauber bisher Jahr für Jahr machten: Ich singe Hymnen auf den Süden, auf Rhodos und Sizilien, auf die Algarve und die Toskana, auf die Costa Brava, auf Mallorca und Ibiza. Seit Generationen schwärmen Nordeuropäer vom Dolcefarniente an den Gestaden des Mittelmeers.

Und?
Und heute reduzieren wir die freundlichen Menschen, deren Hotels und Pensionen wir früher so gern aufgesucht haben, die Menschen, bei denen wir nächtelang zu Tische sassen – in der Trattoria, in den Bars und Tavernen –, auf dieses Farniente, das Nichtstun, und machen es ihnen zum Vorwurf. Dabei war das Farniente vor allem unser Farniente. Wir flogen in die Sonne, um dort nichts zu tun – und liessen uns von den fleissigen Südländern verwöhnen.

Sie sind ein unverbesserlicher Romantiker!
Ich rede von der Wirklichkeit – ich rede von gestern und heute: Früher projizierten wir unsere Sehnsüchte auf den Süden. Heute projizieren wir auf die Menschen Italiens, Portugals, Griechenlands und Spaniens unsere Überheblichkeit, unsere Ressentiments, ja, unsere Verachtung.

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