Auf einen Espresso Über die Zürcher Krawalle – und echte Jugendprobleme

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
FRANK A. MEYER, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. MARC WALDER, 46, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
© Thomas Buchwalder FRANK A. MEYER, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. MARC WALDER, 46, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, seit einigen Wochen randalieren Jugendliche mitten in der Zürcher Innenstadt. Was geht da vor?
Zürich hat die Krawalle, die es verdient.

Sie werden verstehen, dass ich das für eine absonderliche Aussage halte. Was genau meinen Sie damit?
Die Luxus-Stadt hat Luxus-Krawalle.

Das ist mir zu flapsig. Zürich hat ein ernsthaftes Problem. Ich zitiere Allan Guggenbühl, den meistbefragten Jugendpsychologen des Landes. Er sagt: «Diese Jungen wollen sich abgrenzen, Stunk machen, Grenzen überschreiten – um sich danach zu integrieren.»
Da versucht ein Berufsjugendlicher im Alter von 59 Jahren, sich an diese jungen Leute ranzuschmeissen. Am Bellevue und am Central fanden Gewaltorgien statt, und zwar ohne jeden tieferen Sinn …

… auch in England randalierten junge Menschen!
Da gibt es aber eklatante Unterschiede: In England herrscht eine Jugendarbeitslosigkeit von zwanzig Prozent; es herrschen soziales Elend und Verzweiflung, weil es in der verrotteten Wirtschaft des Landes keine Ausbildungsplätze mehr gibt; es herrscht Hass darüber, dass sich das Land in die gierigen Klauen der Londoner Finanz-City geworfen hat. In Zürich dagegen sind die Randalierer Schüler, Lehrlinge, Studenten, gut versorgte Kinder einer der reichsten Regionen der Welt.

Guggenbühl begründet die Gewalt in Zürich mit «einer überalterten Gesellschaft», die von der Jugend Anpassung fordere, wogegen ein Teil dieser Jugend dann rebelliere.
Das ist hübsch gesagt, geht aber leider völlig an der Sache vorbei. Diese Bubis und Girlies rebellieren nicht gegen Guggenbühls «überalterte Gesellschaft». Die ist ihnen völlig einerlei. In Wirklichkeit geht es um die arrogante Selbstüberschätzung mancher Jugendlicher, alle Grenzen missachten zu dürfen. Und es geht um die Anmassung, Partys zu feiern, wo immer man gerade will. Es geht schlicht darum, die Sau rauszulassen.

Was ist daran neu? Junge Menschen wollten doch schon immer auf den Putz hauen.
Das ist so, lieber Marc Walder. Das ist so in jeder Generation in jedem Dorf. Und es war auch in Zürich schon immer so: Die Globus-Krawalle 1968 waren eine geradezu infantile Nachahmung der Jugendrevolten in Frankreich, Deutschland und den USA. In Deutschland erhob sich die junge Generation gegen ihre Väter und deren Verstrickung in die Verbrechen der Nazi-Zeit; in Paris gegen eine autoritäre Gesellschaft, die vom Gaullismus gleichermassen beherrscht wurde wie von Gewerkschaften und Kommunisten; in den USA erhob sie sich gegen die bigotte Familienmoral und den Vietnam-Krieg. In Zürich dagegen ging es um ein autonomes Jugendzentrum. Auch heute handelt es sich um ein Nachäffen ausländischer Jugendunruhen mit ernstem sozialem Hintergrund – in England, in Spanien, in Griechenland. In Zürich geht es ums Partymachen am Bellevue.

Sie nehmen diese Schweizer Jugendlichen nicht ernst.
Ich nehme sie als das, was sie sind: Luxus-Kinder, die im Sandkasten mit Förmchen schmeissen und sich dabei revolutionär vorkommen. Wobei es im Übrigen zu gewaltigen Sachschäden kommt.

Verstehe ich Sie richtig? Da randalieren also reiche, verzogene Bengel aus einer Art Wohlstands-Langeweile heraus?
Die Zürcher Party-Events sind ein Abbild der Schweiz: Wir leiden unter dem Franken, der zu hoch bewertet ist, weil Anleger und Spekulanten unsere Währung und unser Land als Fluchtburg betrachten. Derweil kämpft Europa mit der Armut von Nationen, in denen die Menschen gegen ihre Verelendung rebellieren. Die Zürcher Wohlstandsbengel können sich bestimmt einen Städteflug leisten, um eine Nase voll zu nehmen von der trostlosen Wirklichkeit in London oder Madrid oder Athen.

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