Auf einen Espresso Über Elite, Schwachköpfe und Bürger

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
FRANK A. MEYER, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. MARC WALDER, 46, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
© Thomas Buchwalder FRANK A. MEYER, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. MARC WALDER, 46, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, auf der ganzen Welt demonstrieren jetzt Menschen gegen die sogenannte Finanz-Elite.
«Sogenannt» finde ich gut.

Ich verstehe nicht ganz …
Eine Elite bilden diese Machthaber der Finanzwirtschaft ja nun wirklich nicht. Im Gegenteil, sie führen den Begriff ad absurdum.

Was verstehen denn Sie unter «Elite»?
Wenn wir den Begriff verwenden wollten, dann müsste er Menschen beschreiben, die hohen intellektuellen und ethischen Ansprüchen genügen. Ihre «Finanz-Elite» aber, lieber Marc Walder, besteht zum grossen Teil aus moralisch verwahrlosten Gesellen, wie wir es ja gerade erleben. «Elite» ist nun mal ein fragwürdiger Begriff.

Aber wieso denn? «Elite» steht doch einfach für ausserordentliche Fähigkeiten in einem bestimmten Bereich.
Eben gerade nicht. Ausserordentlich fähig sind auch Spekulanten – in einem bestimmten Bereich. Sogar der Mann, der bei der UBS London 2,3 Milliarden Dollar verzockte, war ausserordentlich fähig – in einem bestimmten Bereich. Auf Elite reimt sich das sicher nicht.

Geben Sie es zu, Frank A. Meyer: Sie mögen die Elite nicht.
Ich lehne den Begriff «Elite» ab. Wer ihn im Munde führt, meint letztlich immer sich selbst – und eine Gesellschaftsordnung, in der eine abgehobene Schicht den Lauf der Dinge bestimmt, nach dem Motto: Das Volk wählt die Politiker – von uns werden sie geführt. Wir haben es doch in der Schweiz jahrzehntelang erlebt: Die Oligarchen der Finanzwirtschaft hatten direkten Zugang zum Bundeshaus und formulierten Gesetze mit, die ihr Geschäft betrafen.

Sollte man statt von «der Elite» nicht sowieso besser von einer kulturellen Elite, einer politischen, einer wirtschaftlichen, einer wissenschaftlichen Elite sprechen?
Auch das widerstrebt mir zutiefst. Dahinter steht letztlich Platons Idee von der Philosophen-Republik: Die grössten Geister der Gesellschaft gestalten deren Geschicke. Als Schweizer Republikaner denke ich aber nicht von oben nach unten, sondern von unten nach oben. Ich reagiere deshalb auf «Elite» allergisch.

Ich verstehe. Aber werden denn grosse Veränderungen, grosse Erfindungen, grosse Neuerungen und Errungenschaften nicht eben doch meist von einer sogenannten Elite herbeigeführt?

Elite meint immer eine Kaste. In ihrer Selbstdefinition schwingt grundsätzlich ein autoritäres Motiv mit: Wir wissen, wie es geht. Diktatoren und Despoten sehen sich stets als «Elite». Die kommunistische Ideologie versammelte ihre «Elite» im Zentralkomitee. Die Nazis nannten ihre SS eine «Elite». Mit diesem Begriff wurde im Lauf der Geschichte auf schlimmste Weise Schindluder getrieben. Streichen wir ihn doch einfach! Übrigens, Marc Walder, auch «Spitzen»-Wissenschafter oder «grosse» Denker können Schwachköpfe und Versager sein, wie beispielsweise der Philosoph Martin Heidegger: Er schuf ein bedeutendes Werk, träumte aber gleichzeitig davon, Hitler geistig zu führen.

Die Gesellschaft braucht Persönlichkeiten, die vorangehen: in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Kultur, auch im Sport.
Selbstverständlich ist das so. Doch wer sind denn die historischen Figuren, die eine demokratische Gesellschaft voranbringen und entwickeln? Es sind Menschen aus allen Gesellschaftsschichten, die sich über ihre privaten Interessen hinaus engagieren. Der Facharbeiter in einer Schulkommission gehört ebenso dazu wie der Bankmanager in einer Feuerwehrkommission. Entscheidend ist der Einsatz für die Gesellschaft. Und die Fähigkeit, eigene Interessen zugunsten der Allgemeinheit zurückzustellen. Erst das macht den Bürger aus – den Citoyen!

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