Auf einen Espresso Über Facebook, Freunde und Finanzen

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
© Thomas Buchwalder Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, haben Sie letzte Woche den desolaten Börsengang von Facebook verfolgt?
Ja, mit grosser Genugtuung!

Wieso Genugtuung?
Weil da ein fauler Zauber entzaubert wurde.

«Fauler Zauber» scheint mir doch ein wenig übertrieben …
Das Facebook-Marketing gründet auf der Behauptung, ein soziales Netzwerk zu sein.

Korrekt.
Der Begriff «soziales Netzwerk» suggeriert Gemeinschaftssinn, suggeriert wohltätige Wirkung auf die Gesellschaft, suggeriert Ehrlichkeit, suggeriert Anstand.

Worauf wollen Sie hinaus?
Seit dem Börsengang sieht die Facebook-Gemeinde ihren König Zuckerberg im neuen Gewand, nämlich nackt: Es hat sich gezeigt, dass er über alle Massen gierig ist. So geldgierig, dass er bereit war, den Börsenkurs durch den selektiven Einsatz von Information gezielt zu manipulieren. Facebook ist kein soziales Netzwerk, sondern ein ganz normales, sogar ein ganz vulgäres Geschäftsmodell.

Ich verstehe den Vorwurf der Manipulation, nicht aber den Vorwurf des Vulgären.
Facebook war die Idee eines Harvard-Studenten, der gern Adiletten und Kapuzenpullover trägt. Inzwischen ist Zuckerbergs pubertäres Outfit nur noch Maskerade. Facebook macht hemmungslos Geschäfte mit persönlichen und intimen Informationen von neunhundert Millionen Nutzern, bis in ihre tiefsten seelischen Regungen hinein. All das profitabel vernetzt und vermarktet - bar jeder Ethik, bar jeder Moral. Das ist zwar im Geschäftsleben nicht unüblich, aber Facebook macht seinen jugendlichen Schwärmern vor, ein Netzwerk von Freundschaft, Liebe und Solidarität zu sein. Dieser Marketingbetrug ist einmalig in der Wirtschaftsgeschichte.

Jetzt mal ehrlich, Frank A. Meyer: Sie werden einfach nicht warm mit dem Thema Internet!
Sie haben völlig recht: Ich kann mich nicht dafür erwärmen, dass Supermächte wie Facebook oder Google gigantische Gewinne aus der Ahnungslosigkeit von Abermillionen ihrer Nutzer zapfen. Facebook schlachtet das Leben seiner Gemeinde schamlos aus, Google ihre Arbeit, unter anderem auch meine Arbeit als Journalist. Man spricht neuerdings von der sogenannten «Schwarmintelligenz», die durch das World Wide Web geistern soll. Die Netz-Schwärmer - wozu leider auch die meisten Verleger zu zählen sind - beweisen allerdings eher Schwarm-Dummheit, wenn sie sich der Ausbeutung ihres Lebens und ihrer Arbeit widerspruchslos unterwerfen.

Es ist doch so: Facebook verbindet Menschen. Und Google hilft ihnen, zu finden, was sie suchen!
Auch da haben Sie recht. Doch als CEO eines Medienunternehmens, das von journalistischer Leistung lebt, müssten Sie allergrösstes Interesse daran haben, dass Google für den Rohstoff Journalismus bezahlt, den Sie dieser Krake bis zum heutigen Tag gratis in den Rachen werfen. Facebook erschliesst der Jugend tatsächlich den Globus - voller Freundschaften, vom Nordkap bis zum Kap der Guten Hoffnung. Facebook-User wähnen sich stolz im Besitz Dutzender, ja Hunderter Freunde. Ihre Welt ist eingeteilt in «gefällt mir» oder «gefällt mir nicht mehr» - einfältiger geht es nicht.

Ihnen gefällt die Welt des Internets einfach nicht, das ist es doch!
Es ist eine Welt, die man nicht riecht, die man nicht spürt, die man nicht wirklich erfährt. Es ist eine Kinderwelt, in der eine infantile Generation herangezüchtet wird, deren Kids sie dereinst fragen werden: Wie konntet ihr bloss an diesen kommerziellen Bullshit glauben? 

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