Auf einen Espresso Über Friends, Freundschaft und Freund Zuckerberg

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
FRANK A. MEYER, 68, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. MARC WALDER, 46, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
© Thomas Buchwalder FRANK A. MEYER, 68, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. MARC WALDER, 46, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, sind Sie eigentlich Mitglied bei Facebook?
Muss man da Mitglied sein?

Ich sehe schon: Sie haben keine Ahnung.
Eine Ahnung habe ich durchaus, kenne aber die Modalitäten nicht.

Also, was ist denn nun Ihre Ahnung?
Um das Angebot sozialer Plattformen im Internet zu beurteilen, muss man nicht zwingend bekennender und praktizierender Facebooker, Xinger, Twitterer oder Tumblr sein. Man muss das Phänomen nur intellektuell durchdringen.

Sie behaupten, etwas davon zu verstehen, verweigern sich aber der praktischen Teilnahme …
… in der Verweigerung, in der bewussten Nicht-Teilnahme, drückt sich ja schon die Erkenntnis über das zentrale Merkmal von Facebook aus: Wer einmal drin ist, hat sich preisgegeben. Und wer sich durch dauerndes «Posten» und «Liken» immer tiefer hineinwühlt in diesen Dschungel der Selbstpreisgabe, verzichtet zunächst auf Privatheit, dann auf Intimität, schliesslich auf die Verfügung über sich selbst. Wer sich Facebook zum Frass vorwirft, macht sich zur Ware, die der geniale Geschäftemacher Mark Zuckerberg lukrativ an Werbekunden verkauft – und sich an der Börse Milliarden holt.

Lieber Frank A. Meyer, Menschen auf der ganzen Welt tun auf Facebook nichts anderes, als ihre Freundschaften zu pflegen.
Freundschaften, sagen Sie? Facebook betreibt wohl den eklatantesten Missbrauch dessen, was Freundschaft bedeutet. Facebook-Freundschaften entsprechen den Subprime-Hypotheken in den USA, die 2008 die grosse Krise ausgelöst haben: Kein Mensch weiss, was in der Masse dieser täglich mit Nonsens genährten Mitteilungen wirklich steckt. Freundschaft entwickelt man im Leben, von Angesicht zu Angesicht, indem man einander berührt und spürt. Man wächst zusammen. Dieses Zusammenwachsen braucht Behutsamkeit. Behutsamkeit braucht Zeit – und nicht die virtuelle Flüchtigkeit von Facebook. Mit Freunden erlebt man Wirklichkeit. Und wirkliche Freundschaften halten ein Leben lang.

Jetzt klingen Sie aber schon ein bisschen kitschig.
Wenn man fünf Freunde hat, hat man viele; wenn man gegen Ende des Lebens noch von ein oder zwei Freunden begleitet wird, dann erlebt man Glück. Ich weiss, lieber Marc Walder, das Wort Freund unterliegt nicht nur bei Facebook einer masslosen Inflation. Auch im Gesellschaftsleben, in der Politik und im Business ist man ja sehr schnell «Freund».

Und nun klingen Sie melancholisch!
Ich klinge nur wie ein Mensch, der sich prüft, bevor er sich bindet, bevor er sich einer Freundschaft verpflichtet. Wir kennen doch die Geburtstagsfeste, auf denen der Gefeierte – je nach Rang – zweihundert oder dreihundert oder auch fünfhundert Freunde begrüsst. Kaum aber ist er in der gesellschaftlichen Hackordnung nach unten gerutscht, durch Rückzug oder Sturz, löst sich seine Freundes-Armee jäh auf. Es bleiben, im besten Fall, ein, zwei Jugendfreunde. Denn das ist auch in Zeiten von Facebook immer noch so: In der Jugend schliesst man nicht nur die ersten, sondern auch die engsten Freundschaften.

Ich schliesse daraus, dass Sie wohl auch in Zukunft nie auf Facebook gehen werden?
Das ist so: Ich bleibe ich.

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