Auf einen Espresso Über Games, Gewalt und Gutmenschen

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
© Thomas Buchwalder Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, was ist eigentlich mit der Schweizer Jugend los? Eine Untersuchung zeigt, dass die Kriminalität auf bedenkliche Weise zugenommen hat.
Die Schweizer Jugend ist auch nur Jugend – und keineswegs ein Sonderfall. Dass die Gewaltbereitschaft zunimmt, lässt sich bei jungen Menschen überall in Europa feststellen. In Berlin, wo ich lebe, ist es besonders schlimm.

Dass es auch anderswo schlimm ist, erklärt ja noch nicht die Ursache!
Wir leben nicht gerade in friedlichen Zeiten. Kriege, Aufstände, Revolutionen, Terrorismus und Massaker gehören für uns zum Alltag. Sie finden zwei oder vier oder acht Flugstunden von uns statt – und gleichzeitig in unserer guten Stube, die Medien führen sie ja «live» vor. Die Gewalt und ihre Schrecken sind ganz bequem in bunten, bewegten Bildern zu erleben – auch auf iPad oder Smartphone. Und die jungen Menschen gucken hin.

Die Konflikte der Welt sind dafür verantwortlich, dass junge Menschen in Zürich oder Genf oder Basel kriminell werden?
Junge Menschen suchen ihre Ausdrucksformen. Sie suchen nach ihrem Weg, Konflikte zu bewältigen. Das Leben besteht ja aus Konflikten. Und die Medien führen uns von morgens bis abends vor, dass Gewalt ein Weg zur Austragung von Konflikten ist. Gewalt fasziniert. Unter anderem in Form von unzähligen Games auf dem Computer-Bildschirm. Dabei kennt diese extrem brutal und sadistisch inszenierte Gewalt nur virtuelle Opfer. Am Ende blutet niemand und ist niemand tot. Doch wenn die Bildschirm-Killer dann nachts in Zürich und Genf und Basel zuschlagen, bluten die Menschen. Und manchmal sind sie dann eben auch tot!

Worauf wollen Sie hinaus?
Gewalt ist im Leben der pubertierenden Jugend selbstverständlich geworden. Alles erscheint ihnen als Kampf, als Krieg. Nicht nur der Krieg des Militärs, auch der Krieg der Wirtschaft: Da wird sturmreif geschossen, erobert und kapituliert, also brutal Macht ausgeübt. Das Kriegsvokabular ist das Vokabular unserer Zeit. Wer sich dagegen auflehnt, gilt als Gutmensch – aus den Begriffen «gut» und «Mensch» ist ein Schimpfwort geworden. Wie sollen sozial und kulturell besonders unsichere junge Menschen von diesem Zeitgeist unbeeinflusst bleiben?

So kenne ich Sie gar nicht, lieber Frank A. Meyer. Nochmals: Jugendliche überfallen alte Frauen, Jugendliche zünden Autos an, Jugendliche stechen Kameraden nieder – und ausgerechnet Sie finden dafür entschuldigende Worte?
Ich entschuldige nicht. Ich erkläre. Zur Erklärung gehört übrigens auch, dass die weltweiten Migrationsströme junge Menschen aus Gesellschaften nach Europa bringen, in denen die Gewalt noch viel präsenter ist – vom Balkan, aus Nordafrika oder dem Nahen Osten. Das stellt ja auch die Untersuchung fest, die Sie zitiert haben.

Was kann man dagegen tun?
Erstens muss der gesittete Teil unserer Gesellschaft die Gewalt viel konsequenter ächten. Zweitens muss auf die Anwendung von Gewalt rasch und hart eine Strafe folgen. Jungen Hunden steckt man die Schnauze in den eigenen Dreck, damit sie lernen, was sie nicht mehr tun dürfen. Gerade bei jungen Gewalttätern muss die Strafe unmittelbar erfolgen. Und zwar eine harte Strafe, damit sie lernen, was sie nicht mehr tun dürfen. Doch mit dem Argument, dass es sich bei der Gewalt um ein gesellschaftliches Phänomen handelt, machen viele Richter aus jugendlichen Gewalttätern Opfer der Gesellschaft.

Und das zu ändern würde genügen?
Natürlich genügt das nicht. Aber Gewalttäter die Härte des Gesetzes spüren zu lassen, ist unverzichtbar. Denn diese Härte dient dem effektiven Schutz vor der Gewalt: Sie schreckt ab. Und sie ist ein Zeichen der gesellschaftlichen Ächtung von Gewalt. Wenigstens eines.

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