Auf einen Espresso Über Geist und Genitalien

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
© Thomas Buchwalder Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, wir reden ja ab und zu ganz gern über Bücher. Sie lesen also nicht immer nur Zeitungen. Sagt Ihnen der Name Charlotte Roche etwas?
Selbstverständlich.

Von ihrem ersten Buch «Feuchtgebiete» verkaufte sie rund 2 Millionen – monatelang stand sie auf Platz 1 der deutschen Bestsellerlisten! Nun liegt ihr zweites vor: «Schossgebete» …
… bisher dachte ich, Charlotte Roche verfasse Porno-Texte. Nun aber musste ich feststellen, dass sich seriöseste Zeitungen und nobelste Feuilletons ganzseitig oder gar mehrseitig mit ihr beschäftigen. Das machte mich neugierig. Ich habe mich daher in den letzten Tagen durch ihr Buch gelesen.

Und?
Ich war gelangweilt. Und ich bin fassungslos.

Ich meine, wie ist denn das neue Buch von Charlotte Roche?
Es handelt sich um 288 schlecht geschriebene Seiten einer komplett verspiesserten Frau. So etwas ist zwar nicht verboten, aber eben der Diskussion nicht wert. Zum Beispiel schildert sie über mehr als dreissig Seiten hinweg mit einer völlig unerotischen Detailversessenheit, wie sie den Geschlechtsverkehr vollzieht. Es ist, als lese man die Anleitung zur Reparatur eines Epson-Druckers. Am Schluss hat man schmutzige Hände. Sonst nichts.

Diese Betriebsanleitung wird aber im Augenblick überall bejubelt, gefeiert, zumindest diskutiert.
Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» widmete Charlotte Roche eine ganze Seite, der neue «Spiegel» und das neue «Zeit-Magazin» feiern sie mit infantilen Interviews. Mit Literaturkritik hat das nichts zu tun. Es kann damit ja auch nichts zu tun haben. Denn es verbietet sich jeder literarische Gedanke.

Womit hat es denn sonst zu tun, Frank A. Meyer?
Wir werden gerade Zeugen davon, wie eine hochtourig laufende Marketing-Maschine wütet. Vergleichbar ist das im Grunde nur mit dem regelmässigen Hochjubeln von Hollywood-Blockbustern. Dabei stellen die Blätter, die sich sonst so sehr über den Boulevard-Journalismus erhaben fühlen, ihre eigene Vulgarität zur Schau.

Vulgär ist das Buch, kein Zweifel. Aber gibt der sensationelle Erfolg Charlotte Roche und dem Piper Verlag nicht recht?
Nach dem Muster der Millionen Fliegen, die sich ja bekanntlich nicht irren können, wenn sie feuchten Kuhmist lieben. Die Verbindung von Vulgarität und Erfolg ist kennzeichnend für unseren Zeitgeist: Vulgär ist die Gier nach Geld, vulgär ist die Sucht nach Selbstdarstellung, vulgär ist der sinnlose Konsum, vulgär ist die Ästhetik dieser Gesellschaft, wenn wir denn von Ästhetik überhaupt noch reden dürfen. Die Vulgarität ist zum Schlüsselbegriff geworden.

Was meinen Sie damit?
Sie brauchen sich nur auf unseren Strassen umzuschauen: Wie sich junge Menschen kleiden, wie sie sich inszenieren, wie sie sich benehmen, wie sie reden: vulgär, wie Roche redet, wie Roche schreibt, wie Roche provoziert. Insofern ist «Schossgebete» ein Schlüsselbuch. Ein Vorbild-Buch. Weitere Vorbilder für die grassierende Vulgarität gibt es in Fülle: in der Modewelt, in der Finanzwelt, in der Film- und Fernsehwelt. In der Politik ist die Vulgarität am Rechtspopulismus abzulesen, am deutlichsten – sogar im internationalen Vergleich – an der vulgären Plakatsprache der SVP. Und soeben ist das Vulgäre mit den Ergüssen von Roche auch in die Feuilletons von Zeitungen und Magazinen übergeschwappt.

Aber warum ist das Vulgäre so erfolgreich?
Weil nur noch gilt, was Geld bringt, was verkäuflich ist, letztlich Prostitution. Wer sich heute nicht verkauft, der ist nicht.

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