Auf einen Espresso Über Gelegenheit und Diebe, Hochmut und Fall

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
© Thomas Buchwalder Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, die Credit Suisse steht unter Druck: In den USA wurden jetzt wieder drei ihrer Mitarbeiter angeklagt. Sie sollen Amerikanern geholfen haben, im Schutz des Schweizer Bankgeheimnisses Steuern zu hinterziehen …
… das war zu erwarten.

Die CS hat doch stets betont, sie habe im Gegensatz zur UBS nie systematisch Schwarzgelder aus den USA akquiriert!
Bei der UBS handelte es sich offenbar um eine Strategie, bei der CS ist das Ausmass der Verstösse gegen das amerikanische Recht noch nicht absehbar. Gelegenheit macht nun mal Diebe: Das Schweizerische Bankgeheimnis verführte Banker reihenweise zu Schlaumeiereien, mit denen sie das Steuersubstrat befreundeter Nationen plünderten.

Jetzt überraschen Sie mich aber: Sie beschuldigen die Schweiz – und entschuldigen die Banken?
Das System der Banken war das System der Schweiz. Darum hängt nun auch das ganze Land mit drin. Mitgegangen, mitgefangen, wie der Volksmund sagt. Nur muss das Schweizervolk die Volksweisheit endlich auch auf sich selbst beziehen.

Was muss jetzt Ihrer Meinung nach anders werden?
Die Banken selbst werden bereits anders, das lässt sich an den neuen Führungsspitzen ablesen.

Können Sie das noch ein wenig genauer sagen?
Präsident des Verwaltungsrats der Credit Suisse ist Urs Rohner, ein Mann aus der Realwirtschaft: Als Vorstandschef von ProSiebenSat.1 hat er Erfahrungen in der gesellschaftlich hochsensiblen Medienbranche gesammelt. Die kann er jetzt nutzen, um der CS gesellschaftliche Sensibilität beizubringen. Zur UBS kommt demnächst Axel Weber. Als Präsident der Deutschen Bundesbank musste auch er in einem öffentlichen Amt gesellschaftlich sensibel operieren und – was vielleicht noch wichtiger ist – gegenüber den Privatbanken eine kontrollierende Funktion ausüben. Als Verwaltungsratspräsident kann er der UBS Verantwortungsgefühl für die Gesellschaft nahebringen. Das sind doch positive Neuerungen, zumindest hoffnungsvolle Zeichen!

So hoffnungsfroh habe ich Sie noch nie über die Schweizer Banken reden gehört. Was stimmt Sie denn so optimistisch?
Die Geschichte des Bankgeheimnisses als geschützte Werkstatt für skrupellose Banker ist zu Ende. Die Zukunft der beiden Grossbanken liegt jetzt ausschliesslich in der Leistung, mit der sie sich im globalen Wettbewerb behaupten. Das wird zu weiteren Einsichten führen, und die traue ich den neuen Spitzenleuten von CS und UBS zu.

Sie sprechen auch vom «System Schweiz».
Die Schweiz hat sich politisch zum Büttel der Banken gemacht, jahrzehntelang. Darum bedeutet die Schädigung des Rufs von CS und UBS auch eine Rufschädigung für die Eidgenossenschaft. Dieser ramponierte Ruf kann nur verbessert werden, wenn die Schweiz eine gewisse Solidarität mit den krisengeplagten demokratischen Nationen übt. Der Sonderfall des Finanzplatzes Schweiz war ein Fall von Hochmut. Und Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall.

Worin könnte denn diese Solidarität konkret bestehen?
Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Griechische Steuerflüchtlinge haben zwischen 15 und 30 Milliarden Franken Schwarzgelder in der Schweiz deponiert. Aber Griechenland braucht jeden Rappen. Es wäre nicht nur gerecht, sondern auch politisch klug, den Griechen rasch Amtshilfe zu leisten. Als Abgeltung für die hinterzogenen Steuern stünden ihnen wohl bis sieben Milliarden Euro zu. Dem Image der Schweiz, auch dem Image der Banken, die das Geld gebunkert haben, wäre rasches Handeln da sehr, sehr zuträglich.

Das klingt gut, ist aber politisch kaum denkbar.
Auch die Abschaffung des Bankgeheimnisses galt in unserem Land noch vor vier Jahren als undenkbar.

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