Auf einen Espresso Über Gott, den Teufel und Thilo Sarrazin

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
© Thomas Buchwalder Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, nach seinem Beststeller «Deutschland schafft sich ab» streitet Deutschland nun über Thilo Sarrazins neues Buch: «Europa braucht den Euro nicht».
Der Streit ist vergiftet.

Kennen Sie Sarrazin eigentlich?
Ich habe mit ihm eine Sendung «Vis-à-vis» gemacht und eine Matinee im Theater am Schiffbauerdamm in Berlin.

Mögen Sie ihn?
Thilo Sarrazin ist kein Mann, der zum Mögen einlädt, eher zum Fremdeln. Was auch mit einer Gesichtslähmung zu tun hat, die ihm ein grämlich-grimmiges Aussehen gibt.

Offenbar mögen ihn viele nicht. Nur: Wieso? Der Mann ist gescheit und nennt die Dinge beim Namen.
Das sind schon zwei Gründe für das deutsche Establishment aus Politik und Medien, Sarrazin nicht zu mögen. Für mich wiederum ist das ein Grund, ihn zu mögen, auch wenn ich seine knochentrockenen Thesen zum Euro überhaupt nicht teile und mich auch sonst über manche seiner Äusserungen wundere. Mich fasziniert das Phänomen.

Welches Phänomen?
Sarrazin entlarvt die Toleranzheuchelei vieler Politiker und Journalisten.

Was ist das, Toleranzheuchelei?
Sarrazin überfährt Grenzlinien und Stoppschilder, die Politik und Publizistik heilig sind. Das trägt ihm Widerspruch ein. Und Hass. Zum Beispiel von der Illustrierten «Stern», die seinen Namen nicht mehr ohne wütende Beiworte wie «Brandstifter Sarrazin» buchstabieren kann. «Stern»-Kolumnist Hans-Ulrich Jörges schrieb zum Buch über die Migration: «Thilo Sarrazin hat ein Ungeheuer geschaffen.» Letztlich suggerierte er damit: Sarrazin ist selber ein Ungeheuer, um nicht zu sagen – der Teufel. Sogar für Heribert Prantl, den wohl brillantesten Kommentator Deutschlands, steht Sarrazin für das Böse.

Sarrazins Bücher enthalten hochexplosive Thesen. Die Medien reiben sich daran. So weit ist doch alles völlig normal?
Seine Thesen sind nicht hochexplosiv, sondern hochgeschaukelt. Man macht ihn zum Sendboten der Hölle. Gezielt wird auf die Person, nicht auf die Sache. Die «Frankfurter Rundschau» bezeichnet Sarrazin als «lispelnde, stotternde zuckende Menschenkarikatur». So hat man in der Nazi-Zeit Juden beschrieben. Der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Reinhold Robbe, sagt: «Mit Sarrazin sollte sich niemand mehr in eine Talkshow setzen.» Er soll zur Unperson gemacht werden.

Halten Sie diese harsche Reaktion für typisch deutsch?
Ich will hier keine falschen Vergleiche anstellen. Aber es gab Zeiten, da habe ich in der Schweiz selbst solchen Hass über mich ergehen lassen müssen. Darum bin ich sehr hellhörig. Ich kann nachfühlen, wie es Sarrazin und seiner Frau zumute ist, die seinetwegen aus ihrem Lehrerjob vertrieben wurde. Man ist dann sehr allein. Da Sarrazin ruhig auftritt und ruhig argumentiert, hält man die Hetze offenbar für unbedenklich. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass es plötzlich einem linksextremistischen Chaoten einfällt, er könnte durch einen Anschlag auf diesen Mann berühmt werden. Mich nimmt wunder, wie sich die Vertreter des Jörges-Journalismus dann rechtfertigen.

Sarrazin ist kein Opfer, Sie verteidigen einen Bestseller-Autor!
Bestseller sind seine Bücher nicht zuletzt wegen der Kampagne gegen seine Person. Die aber hat er nicht gesucht. Hinter ihm stehen Millionen einfacher Deutscher – gegen ihn steht die Macht der Meinungsmacher, mit wenigen Ausnahmen wie «Welt» und «Bild». Für die einen ist er der Teufel. Für die anderen der liebe Gott. Thilo Sarrazin ist aber nur ein Mensch.

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