Auf einen Espresso Über Jugendwahn und Altersklugheit

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
MARC WALDER, 46, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland FRANK A. MEYER, 68, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin.
© Thomas Buchwalder MARC WALDER, 46, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland FRANK A. MEYER, 68, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, haben Sie vergangene Woche die Oscar-Verleihung mitverfolgt?
Ich tue mir das nicht an. Aber diesmal habe ich offenbar doch etwas verpasst.

Was denn?
Die Rückkehr zum alten Hollywood. Meryl Streep nahm einen Oscar entgegen, sie ist 62-jährig. Und Christopher Plummer, er ist 82-jährig. Dann der am meisten gefeierte Film, «The Artist»: ein Stummfilm in der Zeit des Stummfilms. Das alles ist doch bezeichnend: Vergangenheit, gelebtes Leben erhält Preise.

Ist das nicht alles etwas rückwärtsgewandt? Wird da nicht, wie der «Tages-Anzeiger» schreibt, «die Gegenwart ausgelagert»?
Im Gegenteil. Die Gegenwart bedarf ganz dringend der Vergangenheit, der Menschen mit Erfahrung, mit persönlichen Geschichten, mit Geschichte. In Deutschland wird der 72-jährige Pastor und Intellektuelle Joachim Gauck Bundespräsident. Er löst den gescheiterten Babyboomer Christian Wulff ab. Ein geradezu symbolträchtiger Wechsel vom konsumgeprägten Karrieristen zum konfliktgeprägten Denker. Der ehemalige DDR-Bürger Gauck hat der jüngeren Generation viel zu erzählen aus dem halben Jahrhundert, das er in den beiden deutschen Diktaturen verbringen musste.

Ist Alter also wieder sexy?
Sexy ohnehin nicht. Wenn schon, dann: erotisch. Für sexy hält sich die Generation des Konsums und des Marktes. Sie ist gerade dabei, zu scheitern.

Scheitern? Warum das denn?
Weil sie ihrem leergelaufenen Gesellschaftsmodell keinen neuen Sinn zu geben vermag. Fünfundzwanzig Jahre lang ging alles glatt. Gerade das aber hat diese Generation glatt geschliffen. Glatte Züge, straffe Haut, Zahnspangen-Mund, Silikon-geblähte Lippen bilden das Gesicht der Generation, die alles kaufen konnte – scheinbar sogar ewige Jugend. Doch diese Lebensweise, die man auch Konsumismus nennen kann, hat sich erschöpft. Die Krise stellt Fragen. Antworten erwartet man nun von der Generation, die schon abgetreten schien.

Sie überzeichnen gnadenlos.
In Deutschland befragt man unablässig den ehemaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt. Er ist 93. In Frankreich den ehemaligen Résistance-Kämpfer Stéphane Hessel. Er ist 94. Die Mode verzeichnet eine grosse Rückkehrerin: Jil Sander. Sie ist 68. Und Jane Fonda, die einst Aerobic propagierte und dem alterslosen Körper huldigte, bedauert, dass sie sich hat liften lassen. Sie sehnt sich nach Falten. Die ganze erschütterte Gesellschaft sehnt sich offenbar nach Falten.

Sie glauben also an einen neuen Schönheitsbegriff?
Schön ist wieder, wer gelebt hat, interessant ist, wer gelebt hat, eine Hoffnung ist, wer gelebt hat. Wir erleben die Umkehrung von allem, was bisher gegolten hat. Vom Jugendwahn zur Altersklugheit.

Frank A. Meyer, Sie sind 68. Könnte man Ihnen nicht nachsagen, Sie verherrlichten die eigene Lebensphase?
Ich habe ältere Menschen immer verehrt und von ihnen gelernt. Jetzt fehlen sie mir, weil ich selber der Ältere bin. Die Jahre, die ein Mensch lebt, nähren seine Substanz. Vorausgesetzt natürlich, er hat etwas erlebt. Konsumismus und Marktismus haben der Generation, die darin aufging, viel wirkliches Leben vorenthalten.

Werden nun also die Jungen beim alten Eisen landen?
In der Krise, die sie jetzt erlebt, wird diese Generation wachsen. Über die Botox-Glätte werden sich Falten legen. Falten der Nachdenklichkeit. Sorgenfalten. Vielleicht auch Falten der Reife.

 

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