Auf einen Espresso Über Lärm und Krawall als Bürgerrecht

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
© Thomas Buchwalder Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, was halten Sie eigentlich von diesem neuen Jugend-Trend, den Facebook-Partys?
Sie meinen die spontane Zusammenrottung Hunderter oder Tausender von Jugendlichen?

Richtig. Via Internet und SMS verabreden sie sich kurzfristig zu einer Party, am liebsten mitten in der Stadt.
Party ist ein schönfärberisches Wort für diese Selbstinszenierung Krawallsüchtiger. Am Zürcher Mythenquai gab es bei einer solchen Party vor ein paar Wochen sogar eine Strassenschlacht mit Feuerwehr und Polizei. Betroffen waren auch völlig unbeteiligte Passanten. Was soll ich nun davon halten? Lassen Sie mich die Frage umdrehen: Was halten Sie denn davon?

Ich war einer dieser unbeteiligten Passanten. An jenem Abend geriet ich mit meiner Frau selber in den Krawall. Von Hunderten Jugendlichen waren es allerdings höchstens ein paar Dutzend, die die Ordnungskräfte attackierten, Container anzündeten, vorbeifahrende Autos mit Steinen oder Flaschen bewarfen …
Mir geht es nicht so sehr um den harten Kern der Gewaltbereiten, mir geht es um die ganz normalen Bürger. Wie die «Neue Zürcher Zeitung» zu Recht schreibt, werden die Städte als «Tummelfeld und Kampfzone» genutzt. Und zwar ohne jede Rücksicht auf die Menschen, die in ihnen wohnen und ein Recht auf Nachtruhe haben.

Ich will die Flaschenwerfer auch keinesfalls verteidigen. Aber die Stadt ist ein öffentlicher Raum. Stadtbewohner wissen, dass es dort gelegentlich etwas lauter zugeht als auf dem Land!
Leider werden die Städte zunehmend als Event-Standort missbraucht: kommerziell für Mammut-Partys wie die Street Parade, individuell als Spielfeld für die lärmigen Launen von Nachtschwärmern, die auf Strassen, Gassen und Plätzen ihre eigene Langeweile zu übertönen suchen. Das hat mit Stadtleben nichts zu tun. Lärm gehört offenbar zum Selbstgefühl der neuen Generation: Ich lärme, also bin ich. Ich belästige andere, also bin ich stark, also bin ich mächtig. Der Lärm als Aufblasen des Ichs – wie bei den Fröschen!

Sie übertreiben mal wieder.
Lärm ist zum Kern der Jugendkultur geworden. Die Lust am Lärm hat sogar ein eigenes Berufsbild hervorgebracht.

Zum Beispiel?
Zum Beispiel den Disc-Jockey, den Hohepriester des Lärms. Manche nennen ihre Hervorbringungen Musik. Für alle aber, die diesem Techno-Lärm unfreiwillig ausgesetzt sind, ist es reiner Terror.

Lieber Frank A. Meyer, Sie reden der Intoleranz das Wort!
Und Sie, lieber Marc Walder, halten es offenbar für Toleranz, diesen jungen Stadtbesetzern Freiheit für ihr Gelärme zu verschaffen – auf Kosten der Freiheit von Normalbürgern. Ich halte dies für einen Ausdruck von Intoleranz, von Ich-Bezogenheit, die sich zusammenballt zur Wir-Bezogenheit einer jugendlichen Gruppe.

Wie meinen Sie das?
Ihr Lärm vergewaltigt den Bürger, der nicht am lärmenden Geschehen teilnimmt. Von der Lärm-Gewalt der Meute bis zur Gewalt der Flaschenwerfer und Container-Abfackler ist es nur ein ganz kleiner Schritt. Bitten Sie mal junge Lärmer nachts um vier an der Dufourstrasse in Zürich, etwas ruhiger zu sein, etwas mehr Rücksicht auf die Anwohner zu nehmen, Sie werden in der Regel sofort bedroht. Das ist der Gipfel der Intoleranz: Wenn die Lärmenden den Ruhesuchenden als Störefried ihrer grenzenlosen Selbstsucht betrachten – und mit Drohung oder gar Gewalt reagieren.

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