Auf einen Espresso Über Lehrer, Leistung und Larifari

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
© Thomas Buchwalder Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Schultag?
Ja, sogar in allen Einzelheiten: Ich gab der Lehrerin brav die Hand, hielt aber den Blick gesenkt. Meine Mutter wies mich coram publico zurecht: «Du weisst, man schaut sich bei der Begrüssung in die Augen!» Ich musste die Zeremonie vor allen Anwesenden wiederholen.

Waren Sie ein guter Schüler?
Eher ein mittelmässiger. Ich war gut in Aufsätzen und in Geschichte - in den Fächern also, die später mein Leben bestimmen sollten. Einer meiner Lehrer entdeckte und förderte dieses Schreibtalent. Unter anderem mit einer Ohrfeige. Weil er mich mochte, wie er mir später einmal gestand.

Gingen Sie eigentlich gern zur Schule?
Nein.

Nein? Und wieso nicht?
Ich liebte immer die Freiheit, nicht die Disziplin. Manchmal hasste ich die Schule. Heute bin ich meinen Lehrern dankbar für die Erziehung zu Fleiss, Pünktlichkeit und Ordnungsliebe - wobei ich mit diesen drei Eigenschaften immer noch meine liebe Mühe habe.

Hatten Sie strenge Lehrer?
Einige waren sehr streng. Das ging - wie gesagt - bis zum Austeilen von Ohrfeigen. Heute wäre so etwas undenkbar!

Über den Gegensatz von Drillschule und Wohlfühlschule wird gerade wieder heftig diskutiert. Wofür sind Sie?
Eindeutig für die strenge Schule. Vor allem für strenge Lehrer. Ich weiss noch heute, was ich meinen strengen Lehrern zu verdanken habe. Aber es liegt nun mal in der Natur von Kindern und Jugendlichen, dass sie diese Dankbarkeit erst im Nachhinein empfinden - wenn sie im späteren Leben plötzlich entdecken, was ihnen ein ernsthafter, engagierter Lehrer mitgegeben hat.

Sie dürfen ruhig konkreter werden: Was sind für Sie die Vorteile einer Pädagogik, die auf Disziplin setzt?
In der Schule lernen wir, uns in eine Gruppe einzufügen. Und dazu brauchen wir Disziplin. Wenn im Unterricht nur pädagogisches Larifari herrscht, erliegen manche Schüler der Illusion, dasselbe Larifari herrsche überall. Umso grösser ist dann der Schock, wenn sich das Leben nach der Schulzeit als hart und fordernd herausstellt.

Sie überraschen mich. Denken Sie da nicht sehr preussisch?
Preussisch? Ich? Im Gegenteil! Ich verabscheue den militärischen Drill, wie er in den Erziehungsanstalten des vordemokratischen Deutschland gang und gäbe war. Die Strenge, die ich gut finde, ist getragen von Liebe, von Fürsorge, von der Begeisterung des Lehrers für die ihm anvertrauten Kinder und Jugendlichen. Ohne das ist Strenge nichts als Drill.

Lehrer haben es heute viel schwerer als zu Ihrer Schulzeit.
Da haben Sie sicher recht. Das Larifari beginnt ja oft schon zu Hause. Viele Eltern pflegen leider die totale Verständnis-Pädagogik - verbunden mit der Vorstellung, ein heranwachsender Mensch erziehe sich sozusagen selbst, wenn man ihm nur möglichst sanft begegne und ihm alle Freiräume lasse.

Und was ist daran so verkehrt?
Kinder erwarten von Eltern und Lehrern Führung. Wer als Erzieher nicht auf der Einhaltung von Regeln und Werten besteht, erfüllt die Rolle nicht, die ihm in den Augen des Kindes zukommt. Der orientierungsbedürftige junge Mensch steht dann unter Stress: das zu machen, was er will.

.................................................................................................................................................

Ihre Meinung interessiert uns: Diskutieren Sie mit – im unten zur Verfügung gestellten Kommentarfeld.

Auch interessant