Auf einen Espresso Über Leon Schlumpf

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, wie gut kannten Sie den verstorbenen alt Bundesrat Leon Schlumpf?
Ich glaube, sagen zu dürfen: sehr gut. Natürlich in seiner politischen Zeit, vor allem als Bundesrat. Wir hatten ein freundschaftliches Verhältnis.

Darf das denn sein, dass ein Journalist freundschaftlich mit einem Bundesrat verkehrt?
Wenn der Journalismus eine Form des Lebens ist – und für mich ist er das –, dann muss er auch gelebt werden. In meinem Leben folge ich einer ganz einfachen Werte-Hierarchie: Zuerst kommt die Liebe, dann die Freundschaft, dann das Handwerk. Man darf sich als Journalist auch in eine Politikerin verlieben. Und natürlich darf man in der Politik Freunde finden – wo soll man es denn sonst tun, wenn man den Beruf des politischen Journalisten mit Leib und Seele lebt, Tag und Nacht?!

Welche Bedeutung hatte Leon Schlumpf für unser Land?
Er verkörperte Redlichkeit und Intelligenz und Klugheit. Er war auch schlau. Manchmal sogar subtil-raffiniert. Einmal sagte er zu mir: «Wenn ich etwas realisieren will, dann hüte ich mich davor, die Sache zu zerreden. Ich warte lieber, bis die anderen davon reden. Dann gebe ich die Antwort.»

Wofür stand er, der Bundesrat aus Felsberg?
Er repräsentierte eine politische Kultur, die sich ganz am öffentlichen Wohl orientierte. Im Interesse des öffentlichen Wohls wahrte er Distanz zur eigenen Partei. Leon Schlumpf war ein Bürger, ohne den Bürgern nach dem Mund zu reden. Genau das brachte ihm den Respekt der Bürger ein.

Klingt, als sei Ihre Zeit als Bundshausjournalist noch eine ganz andere Zeit gewesen.
Sie war wirklich anders. Es war die Zeit von Bundesräten wie Kurt Furgler, Hans Hürlimann, Willi Ritschard, Fritz Honegger, Georges-André Chevallaz, um nur einige zu nennen. Es war die Zeit einer Regierung, die – bei allem sachlichen Streit – einen gemeinsamen Willen ausstrahlte.

Wie war Leon Schlumpf?
Er war ein liebenswerter Mensch, ein feiner Mensch. Er spielte Handorgel und komponierte Volksmusik. Unter dem Pseudonym Rätus Telena. Er erzählte mir einmal, wie ihm die Takte einfielen. Zwischen Bern und Olten ratterten die Räder der SBB «Tja-ta-tam», nach Olten «Tja-ta-tja-tatam-ta», und die rhätische Bahn holperte «Tja-ti-ta-tam-ta». Das wurde dann der «Jubiläums-Fox». Der Tod seiner Tochter Carmen hat ihm diese unbeschwerte Fröhlichkeit geraubt.

Wie erlebten Sie ihn damals?
In jenen Wochen, als Carmen im Koma lag, war er jeden Tag bei ihr im Spital, arbeitete aber auch jeden Tag weiter. Hinter seiner Freundlichkeit war er tieftraurig. Es kam höchstens einmal vor, dass ihm die Augen feucht wurden. Mehr gestattete er sich am Schreibtisch nicht.

Leon Schlumpf war einer der Mitbegründer der SVP.
Ja, er brachte die kleine Demokratische Partei in die SVP ein. Sie stand für sozialen Ausgleich, für Volksrechte, aber auch für einen starken Staat. Leon Schlumpf vertrat das Prinzip, dass die Wirtschaft, bei aller Freiheit, dem Gemeinwohl dienen muss. Davon ist er nie abgewichen. Nach Leon kam Dölf. Es war bereits eine andere, aber auch eine gute Zeit. Danach kam von der SVP nur noch Lärm. Sonst nichts.

Sind die Zeiten von Konkordanz und Konsens endgültig vorbei?
Nein, es macht mich hoffnungsfroh, dass der Name Schlumpf in der Regierung heute wieder für unaufgeregte, zielstrebige Arbeit steht. Es ist fast eine historische Pointe: Eveline Widmer-Schlumpf lebt die Konsens-Kultur ihres Vaters weiter, ohne ihn zu kopieren. Einfach so: als Bürgerin, die sich der öffentlichen Sache verpflichtet fühlt – ohne Aufhebens.

........................................................................................................................................

Ihre Meinung interessiert uns: Diskutieren Sie mit – im unten zur Verfügung gestellten Kommentarfeld.

Auch interessant