Auf einen Espresso Über Magie, Marktwirtschaft und Mindestlohn

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
Frank A. Meyer, 68, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 47, ist CEO der Ringier AG.
© Thomas Buchwalder Frank A. Meyer, 68, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 47, ist CEO der Ringier AG.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, die Themen Lohn und Lohngerechtigkeit stehen gerade ganz oben auf der Agenda: Die Abzocker-Initiative von Thomas Minder, das Juso-Volksbegehren 1:12, die Forderung nach einem gesetzlichen Mindestlohn. Sind Sie für den Mindestlohn?
Auf jeden Fall.

Sie befürworten eine staatlich vorgeschriebene Lohn-Untergrenze?
Es darf nicht sein, dass der Markt den Lohn bestimmt nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage. Denn mit der Logik des Marktes lassen sich letztlich auch Sklaven- und Kinderarbeit rechtfertigen.

Übertreiben Sie da jetzt nicht?
Schauen Sie einfach nach Bangladesch oder China oder auf andere Minilohnländer in Asien, dann haben Sie die Realität vor Augen: Dort betreiben westliche Firmen ihr Produktionsgeschäft auf schändlichste Weise. Und zwar unter Vernichtung von Menschenexistenz und Menschenleben.

Sie sprechen von Kinderarbeit.
Auch die findet dort statt. Diese Länder sind Paradiese für Marktradikale – Profit ohne alle ethisch-moralischen Bedenken und Beschränkungen. Tausend tote Arbeitssklaven in den Trümmern eines zerstörten Fabrikgebäudes in Bangladesch sind nur die vorerst letzte Nachricht aus diesen Höllen für Arbeitnehmer.

Sie setzen Moral gegen Markt.
Genau das tue ich! Dies auch aufgrund meiner eigenen, sehr frühen Erfahrung: Mein Vater, ein hoch qualifizierter Uhrmacher, verdiente in den Fünfzigerjahren so wenig, dass er jeden Abend zu Hause arbeiten musste, häufig sogar über Mittag. Er verschlang sein Essen, um gleich darauf wieder am Etabli zu sitzen, die Lupe vors Auge zu klappen und zu arbeiten. Ich sass ihm zu Füssen und half meiner Mutter, die zu kleinstem Stundenlohn Uhrenbändchen klebte, die Schlaufen und Schnallen zu befestigen.

Wie empfanden Sie diese Zeit?
Ich behaupte nicht, es sei eine schlimme Zeit gewesen. Es war sogar eine Zeit grosser Geborgenheit: Wir hörten interessante Sendungen im Radio, mein Vater erklärte Politik und Geschichte. Ich möchte diese Zeit nicht missen, damals formte sich meine seelische und intellektuelle Grundorientierung. Letztlich aber waren die Arbeitsund Lohnverhältnisse skandalös – entwürdigend. Ich habe den Lohndruck, der auf meinem Vater lastete, immer als Demütigung empfunden. Ein Mindestlohn hätte unserer Familie wichtige freie Zeit ermöglicht.

Das klingt rührend. Ich fürchte nur, dass ein gesetzlicher Mindestlohn dazu führen würde, dass in der Schweiz Arbeitsplätze vernichtet werden.
Sie fürchten, dass Geschäftsmodelle, die auf Lohndumping beruhen, in Zukunft nicht mehr funktionieren. Dieses Modell, das Löhne zulässt, die Arbeitnehmern nicht einmal eine bescheidene Existenz ermöglichen, zieht Sozialleistungen nach sich, also eine Subventionierung von Unternehmen durch den Staat.

Was wollen Sie damit sagen?
Ich will etwas fragen, lieber Marc Walder: Ist das denn überhaupt noch Marktwirtschaft? Eine Firma, die ihren Strom, ihr Material oder ihre Zinsen nicht zahlen kann, muss schliessen. Doch eine Firma, die keine anständigen Löhne zahlen kann, soll weiterexistieren? Das ist Kapitalismus vom Schlechtesten. Ich bin für Kapitalismus vom Besten.

Sie polemisieren. Viele Ökonomen würden Ihnen widersprechen …
… und viele andere Ökonomen würden mir recht geben. Aber auch auf die will ich mich nicht stützen. Wir haben ohnehin zu viele davon. Sie sind zur Landplage geworden. Jesus vertrieb die Geldwechsler aus dem Tempel. Es ist Zeit, dass wir die Ökonomen vertreiben.

Wieso denn das?
In ihrer Mehrzahl sind sie nichts als Medizinmänner oder Voodoo-Magier. Jede Kultur kennt ihre Formen von Weissagung und Scharlatanerie. Was wir brauchen, sind Unternehmer, die mit kompetenten Arbeitnehmern gute Produkte und Dienstleistungen bereitstellen – Realwirtschaft! Und nicht universitäres Geschwätz.

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