Auf einen Espresso Über Merkels Peitsche und die Rebellion der Europäer

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
© Thomas Buchwalder Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, was ist eigentlich los in Europa?
Die Bürger Griechenlands und Frankreichs haben gewählt. Das ist los. Und damit ist, wie wir sehen, allerhand los.

Allerdings. Ist die Idee «Europa» noch zu retten?
Sie entwickelt sich gerade in die Zukunft.

Sie entwickelt sich in die Zukunft?
Die Wahlergebnisse zeigen grosse Unzufriedenheit mit einer Europäischen Union, die sich seit Beginn der Finanzkrise nur noch mit dem Thema Geld beschäftigt. Diese Unzufriedenheit beruht auf der ursprünglichen Idee des geeinten Europa. Die Wähler rebellieren gegen die Märkte und deren geldpolitische Ideologen. Das Bürger-Europa erwacht.

Die Bürger rebellieren doch vor allem gegen die Realitäten!
Die Realitäten der Bürger sind das Elend der untersten Schichten und die Verarmung des Mittelstands. Reisen Sie diesen Sommer doch einmal durch Italien, Spanien, Portugal oder Griechenland. Buchen Sie vielleicht einen Wochenendflug nach London, und machen Sie ein paar Schritte weg von der Finanzcity.

Das sehe ich genau wie Sie. Nur: Wo will Europa nun hin?
Es kann ruhig bleiben, wo es ist: immer noch im Mittelpunkt der Welt, was die hoch- und höchstqualifizierte Realwirtschaft betrifft, was Kultur und Bildung betrifft, was Sozial- und Umweltbewusstsein betrifft. Europa hat alles, um erfolgreich aus der Finanzkrise herauszukommen – wenn es versteht, dass sie nicht mit Sparen allein zu bewältigen ist.

Aber die Solidarität zwischen den disziplinierten und den Laissez-faire-Ländern bröckelt stark.
Sie lesen wohl täglich deutsche Zeitungen.

Selbstverständlich.
Ja, ja, so tönt das dort! Disziplin für Italien, Disziplin für Spanien, Disziplin für Portugal und für Griechenland sowieso: Merkel soll Europa disziplinieren. Mit der Spar-Peitsche.

Was setzen Sie dem entgegen?
Dass Deutschland ganz wesentlich für die Probleme Europas mitverantwortlich ist. Durch niedrige Tarifabschlüsse hat es seine Lohnstückkosten gesenkt – und damit praktisch eine Abwertung innerhalb der Eurozone vorgenommen. Das heisst: Deutsche Waren und Dienstleistungen wurden so billig, dass die anderen Euro-Länder nicht mehr konkurrieren konnten. Der deutsche Export-Weltrekord hat sie Millionen Arbeitsplätze gekostet. Deutschland zahlt jetzt die Milliarden in den Euro-Rettungsschirm zurück, die es seinen europäischen Partnern vorher abgeknöpft hat. Sie sprachen von Solidarität, lieber Marc Walder: Deutschland übt vor allem Solidarität mit sich selbst. Ohne kauffreudige Märkte ringsumher gibt es kein deutsches Exportwunder.

Das Ungleichgewicht, das Sie hier beschreiben, beruht doch wohl gerade auf der Konstruktion des flächendeckenden Euro …
… und das begreifen wir jetzt. Steuer- und Lohndumping untergraben die Stabilität. Europa braucht eine koordinierte Finanz- und Sozialpolitik. So gesehen sind die Bürger der Eurozone mit ihren Wahlentscheidungen gerade dabei, Europas Gemeinschaftlichkeit weiterzuentwickeln.

Wie das?
Deutschland muss endlich vom hohen Ross herunter und gemeinsamen europäischen Staatsanleihen zustimmen, sogenannten Eurobonds. Gegenwärtig gibt die europäische Zentralbank ihr Geld zu Niedrigstzinsen den Banken, die es dann zu Höchstzinsen an die krisengeschüttelten Nationen ausleihen. Eurobonds würden es diesen Nationen erlauben, sich günstiger zu finanzieren – weil für diese Anleihen alle gemeinsam haften. Die Schuldenkrise wäre damit rasch ein- gedämmt. Sogar die griechische Wirtschaft bekäme Luft. Das wäre Solidarität. Mit den Bürgern. Statt mit den Banken.

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