Auf einen Espresso Über Mitleid, Gott und Showgeschäft

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
© Thomas Buchwalder Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, haben Sie mitbekommen: Samuel Koch, seit seinem Auftritt bei «Wetten, dass ..?» im Dezember querschnittgelähmt, wurde im Paraplegiker- Zentrum Nottwil von Michelle Hunziker besucht.
Als treuer Leser von «Bild», «Blick» und «SonntagsBlick» konnte ich diesen Krankenbesuch gar nicht verpassen. Zumal er mit höchster Boulevard-Raffinesse inszeniert wurde. 

Samuel Koch erfährt eine ungebrochene Welle der Anteilnahme, und das finde ich rührend …
… ich sehe es völlig anders! 

Und zwar wie?
Samuel Koch wird ausgebeutet. 

Meinen Sie das ernst?
Sehr ernst! Das Bild von der aufreizenden Michelle mit nackter Schulter auf dem Spitalbett des 23-jährigen  Opfers von «Wetten, dass ..?»: Das war nicht nur Show – ­ und zwar Show für Hunziker –, sondern geradezu zynisch. 

Ich kann Ihnen beim besten Willen nicht folgen.
Wer wirklich mit Samuel Koch mitleidet, wer einen echten Krankenbesuch macht, wer diesem leidenden Menschen durch Anteilnahme und Nähe ein bisschen helfen will, der inszeniert sich nicht selbst. Auch Gottschalk hat sich schon mehrfach mit ihm ablichten lassen. Nun entdeckt ZDF-Moderator Peter Hahne den jungen Rollstuhlfahrer als Kameraobjekt. Am Sonntag führte er Samuel seiner TV-Gemeinde vor; Hahne – gelernter Pfarrer –  hat den Bestseller «Das Ende der Spassgesellschaft» geschrieben. 

Was hat das eine mit dem anderen zu tun?
Die Spassgesellschaft hat ihren Spass am gelähmten Samuel Koch – natürlich mit Tränen in den Augen. Hahne bemüht sogar den christlichen Glauben, der ihn mit dem jungen Tetraplegiker verbinde. Ich zitiere: «Es ist faszinierend, wie viel Kraft er aus dem christlichen Glauben zieht. Wobei Gebete und Bibellesen sehr helfen.»

Vielleicht ist dem ja so.
Selbst wenn es so sein sollte, oder gerade wenn es so sein sollte – in die Öffentlichkeit gehört diese Intimität auf  keinen Fall. Ein Pfarrer muss wissen, wo sich Pietät ziemt. 

Alle reden in Interviews über ihre Beziehung zur Bibel und  zu Gott. Das ist doch ganz normal!
Hier geht es nicht um ein Interview mit einem reifen Gesprächspartner, der Gültiges zum Thema beizutragen hat. Hier geht es um einen ganz armen jungen Menschen, dessen Leben durch die Sensationslust des Fernsehens zerstört wurde und dessen Schicksal jetzt medial verwertet wird. Das Opfer von «Wetten, dass ..?» ist das Opfer von Gottschalk, von Hunziker, von Hahne. Samuel Koch ist jetzt ein Promi. Das hat der kalten, nur auf Quote bedachten Medienwelt noch gefehlt – der People-Promi im Rollstuhl! Übrigens hat Samuel Koch selbst gesagt: «Es ist mir nach wie vor unangenehm,  auf diese Art und Weise in der Öffentlichkeit zu stehen.» 

Ich sehe das alles ganz anders.
Wie denn? 

Lieber Frank A. Meyer, Gottschalk und Hunziker und Hahne zeigen echte Anteilnahme. Und die Medien – jawohl,  die Medien! – wissen, dass das Schicksal von Samuel Koch  die Leser und Zuschauer berührt!
Sie sagen nur mit anderen Worten, was auch ich sage: Das Schicksal von Samuel Koch lässt sich wunderbar vermarkten und verkaufen. Ich bezweifle gar nicht, dass der flapsig- clevere Gottschalk, die gefühlsselige Hunziker und der bibelsentimentale Hahne Mitgefühl haben. Aber ihr Ego, ihr Narzissmus ist grösser. Sie brauchen einen Fotografen, wenn sie Gefühle für Samuel zeigen wollen. Wirkliches, tiefes Mitgefühl wäre eine private, ja eine intime Angelegenheit.

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