Auf einen Espresso Über Mullahs, Machos und die Demokratie

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
FRANK A. MEYER, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. MARC WALDER, 46, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
© Thomas Buchwalder FRANK A. MEYER, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. MARC WALDER, 46, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, nach Tunesien und Ägypten hat inzwischen auch Libyen seinen Despoten davongejagt. Wird aus dem «Arabischen Frühling» jetzt ein «Arabischer Sommer»?
Ich fürchte, es wird eher Herbst.

Warum so trübsinnig?
Die ersten Tage der «Jasmin-Revolution» und des arabischen Frühlings wurden von jungen Menschen bestimmt. Wir erlebten ihren Aufstand in den Medien und sahen: Es war die Handy- und die Internet-Generation, es waren moderne Männer und Frauen, die da gegen alte Diktatoren demonstrierten. Ein gebildeter jugendlicher Mittelstand in Nordafrika und im Nahen Osten forderte Freiheit …

«… forderte»? Weshalb reden Sie in der Vergangenheit?
Weil die Szene in diesen Ländern inzwischen von ganz anderen Kräften dominiert wird, wie uns jetzt ebenfalls die Medien zeigen: Bärtige, betende Männer führen den Protest an, Frauen tauchen nur noch verschleiert auf – Allahu akbar!

Was ist da geschehen?
Die arabische Rebellion ist zur islamischen Rebellion verkommen. Mit Demokratie haben diese Leute nichts im Sinn.

Auch diese Kräfte fordern aber doch unablässig die Demokratie!
Darauf fällt die ganze westliche Publizistik herein. Das Zauberwort «Demokratie» weckt bei uns Vorstellungen, die nichts mit denen der islamischen Revolutionäre zu tun haben. Die Bewegung, die westliche Journalisten mit dem hoffnungsvollen Begriff «Arabellion» belegten, ist putschartig von konservativen Kräften übernommen worden. Hinter diesen Kräften stehen die Armen und die ungebildeten Massen, denen religiöse Führer eine bessere Zukunft verheissen.

Müssen wir denn die Hoffnung auf gesellschaftliche Befreiung Nordafrikas und des Nahen Ostens wirklich schon aufgeben?
Wir müssen hoffen, dass es nicht schlimmer wird, als es vorher war. Die Despoten in Tunesien und Ägypten gaben sich immerhin einen säkularen Anstrich. So entstanden eine emanzipatorisch gestimmte Mittelschicht und eine kritische Jugend. Jetzt aber droht die Macht des Islams genau diese neue arabische Bürgerlichkeit zu ersticken. Die Scharia ist als Grundlage für künftiges Recht gesetzt. Von wirklicher Gleichberechtigung der Frauen ist nicht mehr die Rede.

Und wer genau steckt Ihrer Meinung nach dahinter?
In Ägypten zum Beispiel die ausgezeichnet organisierten Muslimbrüder. Ihre Vorstellung einer autoritär-religiösen Gesellschaft vertreten sie jetzt im direkten Austausch mit den Militärs. Sie werden dabei von Saudi-Arabien finanziert, also durch die finsterste islamische Despotie neben dem Iran. Die Herrscher von Saudi-Arabien und dem Iran fürchten nichts so sehr wie einen demokratischen Frühling in Nordafrika. Ihre Vorstellung ist ein von der Religion bestimmtes Mittelalter, wie sie es im eigenen Land konsequent durchsetzen. Und all das unterstützen sowohl die EU wie die USA mit Milliarden.

Soll denn der Westen auch noch den letzten Einfluss auf das Geschehen in den islamischen Ländern aufgeben?
Die Luftangriffe vor allem von Franzosen und Engländern haben das libysche Volk vor Gaddafi gerettet. Jetzt müsste jede zukünftige westliche Hilfe an Bedingungen geknüpft sein: an eine säkulare Verfassung, vor allem aber an die Gleichberechtigung der Frauen – das nämlich ist der entscheidende Punkt im Kampf gegen den konservativen Islam.

Sehen Sie denn dafür überhaupt eine Chance?
Von den Frauenrechten war leider beim Besuch von Sarkozy und Cameron in Libyen nicht die Rede. Auch die Islamflüsterer in unseren Medien scheren sich ja einen Teufel um die Frauen in den revolutionär durchgerüttelten Gesellschaften. Es scheint so, als herrsche eine stille Komplizenschaft unserer immer noch mächtigen Macho-Mentalität mit den Mullahs und Imamen!

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