Auf einen Espresso Über Osama, Obama und Europa

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
© Thomas Buchwalder Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, mehr als 80 Tote beim Anschlag der Al Kaida am Freitag im Nordwesten Pakistans: War das der erwartete Auftakt zum Rachefeldzug für Osama Bin Laden?
Bin Ladens Ungeist wird wohl noch einige Jahre durch die Welt geistern. Mörderische Anschläge sind das einzige Handwerk, das seine Jünger beherrschen. Der Terror und der Krieg gegen den Terror gehen weiter.

Der Krieg?
Ja, der viel beschworene «asymmetrische Krieg»! Das Bild aus dem «Situation Room», auf dem Barack Obama mit seinen engsten Mitarbeitern die Liquidierung von Osama Bin Laden live verfolgt, geht weiter um die Welt. Es zeigt den obersten Befehlshaber der amerikanischen Streitkräfte im Einsatz gegen den Anführer der berüchtigtsten Terrortruppe.

War es richtig, der Welt dieses Bild zu zeigen?
Es war wohl richtig für die Amerikaner selbst. Sie wollten Sühne für die Anschläge vom 11. September 2001. Möglicherweise war es aber gleichzeitig falsch, denn das Foto dokumentiert nicht zuletzt die asymmetrische Macht der Al Kaida.

Die deutsche Bundeskanzlerin hat ihrer Freude in einer öffentlichen Erklärung Ausdruck gegeben. Jetzt wird sie dafür kritisiert. Darf man sich denn nicht freuen, dass Osama Bin Laden tot ist?
Die Freude einfacher Menschen über seinen Tod ist absolut verständlich. Offizielle politische Freude hingegen hat eine andere Bedeutung. Unser Verteidigungsminister Ueli Maurer hat dazu etwas sehr Intelligentes gesagt: «Ein amerikanischer Präsident darf doch das nicht verkünden. (…) Damit hebt er einen Terroristen auf dieselbe Stufe wie sich selber.»

Dabei war die Verfolgung Bin Ladens zehn Jahre lang explizit Chefsache – erst die Sache von Bush, jetzt die von Obama!
Das war wohl unumgänglich. Der Anschlag von New York mit dreitausend Toten wirkte auf das heutige Amerika wie der Überfall der Japaner auf Pearl Harbour 1941. Mit den USA war nach dem 11. September aber auch die ganze westliche, die ganze demokratische Welt herausgefordert. Die Anschläge von Madrid 2004 und London 2005 öffneten vielen die Augen, die noch auf eine Verschonung Europas gehofft hatten. Für Amerikas Kriegserklärung an die islamischen Terroristen können wir nur dankbar sein.

Wie meinen Sie das?
Es ist ja immer wieder diese grossartige Nation, die sich die Hände für die freie Welt schmutzig macht: 1917 mit dem Eintritt in den Ersten Weltkrieg, 1941 mit dem Eintritt in den Zweiten Weltkrieg, auch den Kalten Krieg gegen den Kommunismus müssen wir dazuzählen. Wenn man in Berlin lebt, spürt man noch immer die Bedeutung der Amerikaner, die 1948/49 mit ihrer Luftbrücke die von Stalin blockierte Stadt ein Jahr lang versorgten.

Wäre es nicht besser gewesen, Bin Laden lebend in die USA zu schaffen und vor Gericht zu stellen?
In Abbottabad wurde kein «Tatort» für den Sonntagabend gedreht. Wer heute an diesem Kommandounternehmen herummäkelt, macht sich lächerlich. Die Aktion war letztlich unwägbar, hoch diffizil, sehr gefährlich. Es hätte alles schiefgehen können. Aber wir sind ja daran gewöhnt: Die grössten Strategen sitzen in den Redaktionsstuben, wo sie die Welt über Bildschirm als Endlos-Event geniessen.

Wie geht es jetzt weiter?
Solange sich die islamisch geprägte Welt nicht mit der Moderne versöhnt, wird aus ihrem Schoss immer wieder das Ungeheuer des Terrors kriechen. Darum ist es von so grosser Bedeutung, dass in Nordafrika und dem Nahen Osten erste Ansätze zur Demokratie erkämpft werden, vor allem Ansätze zu weltlichen Gesellschaften, die Politik und Religion voneinander trennen.

Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland
Frank A. Meyer, 67, arbeitet als Journalist im Hause Ringier
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