Auf einen Espresso Über Papst, Prunk und Popkultur

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
FRANK A. MEYER, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. MARC WALDER, 46, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
© Thomas Buchwalder FRANK A. MEYER, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. MARC WALDER, 46, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, waren Sie am Donnerstag im Berliner Olympiastadion, als der Papst die heilige Messe las?
Nein, da war ich im wunderschönen Provence-Dörfchen Goult – bei einer ganz anderen Messe: Während der Besichtigung des Kirchleins Saint-Sébastien aus dem 12. Jahrhundert wurde ich Zeuge einer Beerdigungsfeier.

Ach stimmt, Sie waren ja in den Ferien … Erzählen Sie!
Ein schwarzafrikanischer Priester begleitete die Trauergemeinde. Es war der Abschied einfacher provenzalischer Menschen von einem Mitbürger. Mich berührte diese schlichte Feier. Ich konnte die Tränen nicht zurückhalten. Das bescheidene, tieftraurige und doch auch tröstliche Ereignis hat mich viel stärker beeindruckt als die Prachtentfaltung in Berlin, die ich im Fernsehen sah.

Was meinen Sie mit Prachtentfaltung?
Es ist schon beeindruckend, wie die Marketingstrategen des Vatikans ihren Papst in Szene setzen. Wozu sich das klassische Dekor des Klerus natürlich besonders gut eignet. Die Fahnen, die seidenen Spitzenhemdchen, die farbenprächtigen Gewänder kommen bei diesen Mammut-Messen voll zur Geltung. Unter freiem Himmel blähen sie sich auf – wie der ganze Vatikan unter Ratzingers Regime.

Erklären Sie uns das, Frank A. Meyer!
Als Benedikt XVI. hat er den Insignien katholischer Macht zu neuem Glanz verholfen. Auch in Berlin war es unübersehbar. Er benutzt das Papstwappen als monarchisches Hoheitszeichen, das für die absolute Machtfülle der Kirche und seine eigene Überhöhung steht. Nach seiner Amtseinführung 2005 trug er sogar den Kreuzstab von Pius IX., einem Anti-Demokraten und giftigen Kritiker der modernen Gesellschaft. Unter Benedikt wirkt die Papst-Show ausgesprochen eitel, wenn nicht narzisstisch. Alle diese Symbole dienen einer Gesamt-Dramaturgie, die den Papst als Popstar inszeniert.

Das klingt jetzt aber sehr respektlos, wenn nicht sarkastisch!
Es ist, was es ist: Die Regisseure des Heiligen Stuhls kopieren die medialen Muster der Popkultur. In Berlin standen nur nicht die Rolling Stones oder U2 auf der Bühne, sondern die Bischöfe und der Papst. Letzterer gewissermassen als Mick Jagger der Kirche, von den Gläubigen und den jungen «Benedetto»-Jublern gefeiert.

Geht es dabei nicht um sehr viel mehr als nur um Show?
Da haben Sie recht: Prachtentfaltung ist immer auch Machtentfaltung. Viele Deutsche waren jedenfalls hingerissen. Die «Bild»-Zeitung, die grösste Boulevardzeitung des Landes, liess ein 45 Meter breites und 64 Meter langes Papstplakat ans Springer-Hochhaus hängen – das Boulevardblatt als Papst-Blatt. Doch die Benedikt-Kirche mag vieles sein, eine Volkskirche ist sie sicher nicht. Der deutsche Bischof von Rom regiert von oben nach unten. Allerdings traf er gerade in Deutschland auf eine Wirklichkeit, die völlig anders ist, als er sie gern haben möchte: Begrüsst wurde er von Bundespräsident Christian Wulff, geschieden und neu verheiratet, also nach Papst-Dogma in Sünde lebend, sowie von Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit, bekennender Homosexueller, also ebenfalls in Sünde lebend.

Lieber Frank A. Meyer, bekennender Katholik scheinen Sie nun wirklich nicht zu sein!
Zahllose Katholiken teilen meine Sicht. Aber ich bin protestantisch geprägt. Als Kind gehörte das Nachtgebet in meiner Familie zu den wenigen religiösen Ritualen. Ich habe mir aus jenen Jahren auch eine Art kindlicher Frömmigkeit bewahrt.

Sie glauben an Gott?
Ich lasse die Antwort offen. Manchmal überkommt es mich, und ich bete, vor allem in Augenblicken des Glücks und der Dankbarkeit. Ich halte dies – ob nun kindlich oder nicht – für eine sinnvolle Meditation, ein besinnliches Andachthalten mit mir selbst. Ist Gott in solchen Augenblicken mit mir oder nicht? Wenn es ihn geben sollte, wäre er mit mir, wie er im Gebet mit allen Menschen ist – ganz ohne Papst und Papismus.

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