Auf einen Espresso Über Pop, Putin und die Popen

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
© Thomas Buchwalder Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, wissen Sie, was es mit Pussy Riot auf sich hat?
Pussy Riot - in einer harmlosen Übersetzung etwa: «Aufstand der Miezen» - ist eine russische Post-Punk-Band, ein knappes Dutzend junger Frauen, alle unter dreissig. Dreien davon wird gerade in Moskau der Prozess gemacht. Ihnen droht Straflager.

Den jungen Musikerinnen wird «Rowdytum aus Motiven religiösen Hasses» vorgeworfen. Sie sangen im Altarraum der wichtigsten orthodoxen Kirche des Landes das Lied «Mutter Gottes, du Jungfrau, vertreibe Putin».
Es war eine provokative Punk-Performance, die knapp eine Minute dauerte und dann per Video verbreitet wurde. Für so etwas gibt es bei uns nicht einmal eine Busse. In Russland aber - oder sollten wir besser wieder sagen: in Sowjetrussland? - wird man dafür ins Gefängnis gesteckt. Die drei Frauen, zwei davon Mütter, sitzen seit März in Untersuchungshaft. Das ist absolut pervers.

Ist Pussy Riot nicht zu weit gegangen mit der Aktion in der Christ-Erlöser-Kathedrale?
Ich weiss nicht, was Ihnen da jetzt «zu weit» geht. Die jungen Frauen wollten ganz bewusst und ganz gezielt die beiden Mächte provozieren, die in Russland der Demokratisierung und der Entwicklung eines wirklichen Rechtsstaats im Weg stehen - also der Modernisierung der russischen Gesellschaft.

Welche Mächte meinen Sie?
Putin und die Popen.

Sie glauben, dass Putin Russland gar nicht modernisieren will?
Modernisieren will er nur die Wirtschaft.

Und was nicht?
Die Modernisierung der politischen Verhältnisse, der Gesellschaft, der Kultur seines Riesenreichs ist dem gerade wiedergewählten Präsidenten offensichtlich egal. So verkörpert Putin die historische Zwangslage, mit der Russland seit zwei Jahrzehnten ringt: Das Land hatte bis zum Untergang der Sowjetherrschaft Ende der 80er-Jahre keine Chance, Erfahrungen mit der Demokratie zu sammeln. Nicht unter den Zaren, nicht unter den Diktatoren der KPdSU. Es kannte nie ein selbstbewusstes Bürgertum. Diese Leerstelle besetzen heute neureiche Oligarchen mit ihrer Geldmacht.

Und was hat das mit der Kirche zu tun?
Die orthodoxe Kirche ist aus ihrer Verbannung und Ächtung durch die Kommunisten wiederauferstanden. Sie hat sich mit den neuen Machthabern verbündet. Und Putin erteilt diesen klerikalen Untoten seinen politischen Segen.

Dagegen kämpfen die drei jungen Frauen mit ihren Liedern.
Nicht nur diese drei Frauen, aber eben auch sie. Dass sie Feministinnen sind, ist der Kern ihrer Provokation. In der orthodox geprägten und deshalb frauenfeindlichen russischen Gesellschaft provozieren junge, attraktive Frauen den Patriarchen Kyrill, einen klassisch-klerikalen Ketzerjäger. Für die Theokraten ist das die schlimmstmögliche Provokation. In ihrer Vorstellung gehören solche Frauen gezüchtigt wie zu Zeiten der Zaren. Weil das aber nicht mehr geht, sollen sie jetzt wenigstens ins Straflager. Zwar plädieren Putin und die Kirche neuerdings für ein mildes Urteil. Damit stellen sie ihre Macht auch über die Justiz unter Beweis. Verurteilt werden die drei Frauen in jedem Fall.

Immerhin sieht es die ganze Welt.
Dank Internet und den letzten verbliebenen unabhängigen Medien in Moskau. Nur tut niemand etwas dagegen. Auch nicht in der Schweiz. Oder haben Sie etwa davon gehört, dass unser Aussenminister den russischen Botschafter ins Bundeshaus bestellt hätte? Russische Oligarchen geniessen die Sympathie der offiziellen Schweiz. Ganz anders als wehrlose junge Frauen in russischen Gefängnissen.

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