Auf einen Espresso Über Privatschulen, Bürgerlichkeit und Freisinn

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
FRANK A. MEYER, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. MARC WALDER, 46, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
© Thomas Buchwalder FRANK A. MEYER, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. MARC WALDER, 46, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, was halten Sie eigentlich von Privatschulen?
Lassen Sie es mich positiv formulieren: Ich bin ein entschiedener Anhänger der öffentlichen Schule.

Und warum sind Sie das?
Die staatliche Schule gehört zu den grossen Errungenschaften des Bürgertums. Dort sollen die jungen Menschen gemeinsam lernen, reiche und arme, fürs Leben und für den Beruf. Der Stolz der «freisinnigen» Gesellschaft manifestiert sich heute noch in den Schulhäusern des 19. und 20. Jahrhunderts: Es sind Kathedralen des Bürgertums. Oft stehen sie der Kirche gegenüber, in Dörfern bisweilen erhöht, also über der Kirche. Damit wurde Wissen sinnfällig gegen Glauben gesetzt – die Schule in Opposition zum religiösen Obskurantismus.

Aber können denn private Schulen diesen freisinnigen Auftrag nicht ebenso gut erfüllen? Religiöse Schulen können es gar nicht; religiös-neutrale Privatschulen nur zum Teil. Denn diese Institute, die in letzter Zeit ja wie Pilze aus dem Boden schiessen, zielen auf Entmischung unserer Gesellschaft.

Was meinen Sie mit «Entmischung»?
Wohlhabende leisten sich mit der Privatschule einen Windkanal für ihre schnittige Jugend. Die öffentliche Schule dagegen ist durchmischt, bringt Schülerinnen und Schüler quer durch alle sozialen und kulturellen Schichten in Kontakt. Und manchmal auch in Konflikt. Die öffentliche Schule ist Lebensschule, die private Schule vor allem Ausbildungsstätte.

Sie sagen es ja selbst: Privatschulen schiessen wie Pilze aus dem Boden. Das hat doch sicher einen Grund!
Wir erleben seit den Siebzigerjahren eine systematische Dekonstruktion des Staates. Der Neoliberalismus liefert dazu die Ideologie. Privatschulen sind Teil der konsequenten Kampagne zur Schwächung des Staates. Es geht dabei gegen die egalitäre Gesellschaft, gegen die bürgerliche Gesellschaft, gegen die Gleichheit der Chancen. Das Bürgertum in seinem Goldenen Zeitalter, der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, glaubte daran, dass Menschen unterschiedlicher sozialer und kultureller Herkunft gemeinsam eine moderne Res publica entwickeln. Das war auch das Geheimnis der Schweiz: Alle Milieus begegneten einander im Alltag, in der Schule und in der Armee.

Die Privatschule als Waffe im Kampf gegen die Demokratie? Sie übertreiben!
Ich mache nur deutlich: Heute sucht sich der anschwellende Reichtum seinen eigenen Staat. Mit eigenen Wohnvierteln, eigenen Kliniken, eigenen «Members only»-Klubs, eigenen VIP-Lounges, von eigenen Sicherheitskräften beschützt, vom eigenen Fahrer in die eigenen Einkaufszonen der Städte geleitet, aus denen man nach dem Shopping bei Prada und Gucci und Tiffany hinter abgedunkelten Scheiben davonrauscht – ins eigene Schlaraffenland. Um dieses überhebliche Lebensgefühl, abgehoben von der Gesellschaft, auch den Kindern zu vermitteln, bedarf es der eigenen Schulen.

Lieber Frank A. Meyer, vielleicht geht es ja um viel weniger: Vielleicht hat es manchen bürgerlichen Eltern einfach zu viele ausländische Kinder in der öffentlichen Schule, die den Unterricht verlangsamen und das Niveau senken.
Ja, wer genügend Geld hat, kann sein Kind migrantenfrei beschulen – wirklichkeitsfrei, gesellschaftsfrei. Kinder und Sprösslinge, für deren Bildung die Eltern zwischen 20 000 und
30 000 Franken pro Jahr aufbringen, wachsen heran wie im Film: unberührt vom sozial schwächeren Teil der Bevölkerung, von den Konflikten, von den Realitäten des Lebens. So werden sie zu einer Dünkel-Elite herangezüchtet, die dann in dieser Gesellschaft befehlen soll. Darum geht es nämlich. Und das ist das präzise Gegenteil von Bürgerlichkeit.

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