Auf einen Espresso Über Ratlosigkeit und Rastlosigkeit

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
FRANK A. MEYER, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. MARC WALDER, 46, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
© Thomas Buchwalder FRANK A. MEYER, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. MARC WALDER, 46, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, vergangene Woche war ich kurz in New York und besuchte das Camp der «Occupy Wall Street»-Bewegung im Zuccotti-Park, mittlerweile durch die Polizei aufgelöst. Was halten Sie von dieser Bewegung?
Die Occupy-Bewegung macht ein weltweites Unbehagen sichtbar, von Sydney bis Seattle, von Seoul bis Santiago de Chile, vor allem auch in den europäischen Hauptstädten, sogar in Zürich – ein Unbehagen über die Welt, wie sie ist: ungerecht. Eine ganz kleine, superreiche Schicht schwelgt im Überfluss, die grosse Mehrheit der Menschen dagegen sieht sich in ihren Lebensverhältnissen immer stärker eingeschränkt oder wird sogar von Armut bedroht. Ganz zu schweigen vom Elend in der Dritten Welt

Seien Sie ehrlich: Den Occupy-Bewegten fehlt doch das Programm.
Das ist auch ganz normal.

Wie soll man das verstehen?
Unbehagen allein ist tatsächlich noch kein Programm. Aber aus diesem Unbehagen wird sich eines entwickeln. Wahrscheinlich werden sogar unterschiedliche Programme daraus hervorgehen, je nach Nation und Kultur. Gemeinsam ist all den Occupy-Menschen das Unbehagen gegenüber den finanzkapitalistischen Mächten. In diesem Punkt herrscht Einigkeit. Und die Einigkeit ist das Entscheidende. Denn darauf, wie man den Umgang mit den finanzkapitalistischen Mächten regeln müsste, sucht ja auch die Politik noch eine Antwort, vor allem in den demokratischen Staaten.

Wenn nicht einmal die Politik die nötigen Antworten anzubieten hat, wohin soll das Ganze dann noch führen?
Wir müssen verstehen, dass die Krise, die wir durchleben, nicht einfach eine finanzielle und nicht einfach eine politische Krise ist, sondern eine kulturelle.

Wie meinen Sie das?
Es gibt in dieser Krise keine konventionellen Antworten. Man wird zwar die Finanzwirtschaft durch Gesetze und Kontrollen zügeln. Aber damit wird man die existenzielle Frank A. Meyer und Marc Walder Frage, die sich aus der Globalisierung ergeben hat, noch nicht beantworten. Die Frage lautet: Wie wollen wir leben? Die Antwort darauf ist jenseits aller Ideologien, linker wie rechter zu suchen. Vor allem jenseits der radikal rechten Ökonomie-Theorie, die unter dem Begriff Neoliberalismus firmiert.

Wo liegt denn die Antwort auf das wohl dringendste Problem in diesem gewaltigen Konflikt: dass ganz wenige Reiche fast alles haben?
Die Antwort fehlt. Das macht uns ratlos, denn wir sind schnelle Antworten gewohnt. Wer nicht schnell antworten kann, gilt als Versager. Die Börse beantwortet ihre Fragen im Sekundentakt. Die Politiker beantworten ihre Fragen im Stundentakt. Die Medien sind die Taktgeber dieses Wahnsinns. Das Resultat der Rastlosigkeit ist die Finanzkrise, ist die Schuldenkrise, ist die Bewusstseinskrise. Wer immer nur Antworten gibt, verlernt das Fragen. Wir müssen anhalten, Rast machen, um uns endlich wieder auf Fragen einzulassen. Es sind Fragen zur Lebenskultur unserer Gesellschaft, aber auch Fragen an uns selbst. Der pervertierte Finanzkapitalismus hat sichtbar gemacht, dass es, wie der Philosoph Theodor W. Adorno festgestellt hat, kein richtiges Leben im falschen gibt.

Aber wer kann überhaupt Lösungen bieten? Wem können wir noch vertrauen?
Sicher nicht den Ökonomen, die sich als Wissenschafter gebärden und die doch allzu oft mit ihren Weisheiten nicht weiter sind als afrikanische Voodoo-Zauberer.

Was bleibt also dann?
Es ist Zeit für Nachdenklichkeit. Es ist Zeit für Philosophen und Historiker. Es ist Zeit für gesellschaftlich engagierte Patrons und Arbeitnehmer. Es ist Zeit für Bürger mit Lebenserfahrung. Es ist Zeit für den gesunden Menschenverstand.

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