Auf einen Espresso Über Schimpf und Spott und Religionen

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
© Thomas Buchwalder Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, haben Sie eigentlich das Mohammed-Video gesehen, von dem seit Wochen alle reden und gegen das Tausende demonstrieren?
Das Video interessiert mich nicht. Es ist offenbar miserabel gemacht.

In dem Filmchen wird der Prophet Mohammed verunglimpft. Darf man das?
Der Prophet hat sich bisher nicht beschwert. Und auch von Allah hört man nichts
.
Sie machen sich lustig. Genau dahin zielt ja meine Frage. Also: Darf man das?
Der Islam ist leider eine recht finstere Ideologie, eine Religion, die keine Reformation kennt, die sich in keiner Aufklärung geläutert hat. Sie versetzt die Welt täglich in Schrecken. Keine Tageszeitung, keine «Tagesschau» ohne Mord und Totschlag und Krieg mit islamischer Beteiligung.

Und darum machen Sie sich hier lustig?
Genau darum ist ein wenig Heiterkeit nötig.

Werden wir ernst: Darf man sich lustig machen über eine Religion? Darf man gar Gott lästern?
Religion ist archaische Ideologie. Und über Ideologien darf man das Böseste sagen - oder das Beste, wie es Gläubige tun. Gott ist Fiktion, eine Projektion seiner Anhänger. Auch über Götter darf man das Böseste und das Beste sagen.

Menschen fühlen sich angegriffen, verunsichert, wenn ihr Gott beleidigt wird. Dafür habe ich Verständnis. Sie nicht?
Natürlich habe ich das! Die Gefühlsebene gläubiger Menschen ist aber keine Grundlage, das Recht auf Meinungsfreiheit oder die Freiheit der Kunst ausser Kraft zu setzen. Es käme doch auch niemandem in den Sinn, die Beleidigung von Marx und die Schmähung des Kommunismus unter Strafe zu stellen. Obwohl seine Anhänger sicher verletzt wären. Denn auch der Kommunismus war eine religiös aufgeladene Ideologie.

Nun verengen Sie aber arg Ihre Argumentation.
Nicht ich mache das. Die Anhänger von Religionen tun es, wenn sie glauben, ihr Gott könne durch Beschimpfung oder Spott beleidigt werden. Heribert Prantl, der praktizierende Katholik und brillante Publizist, nennt es «die Verzwergung des Heiligen». Ich muss ihn gleich nochmals zitieren. In der «Süddeutschen Zeitung» stellt Prantl die rhetorische Frage: «Wer beleidigt Gott mehr: Derjenige, der über ihn lästert, oder derjenige, der glaubt, er müsse ihn mit Strafen schützen? Es ist blasphemisch, zu glauben, man müsse Gott, Allah oder dem Propheten einen Staatsanwalt zu Hilfe rufen.»

Bei uns laufen religionskritische Filme, über die wir lachen und diskutieren. Die islamische Welt wiederum gerät in Aufwallung wegen eines Youtube-Videos. Warum ist das so?
Zunächst einmal: Ich bewundere die islamistischen Agitatoren für die Akribie, mit der sie das Internet nach etwas Passendem für ihre Hassorgie durchgescannt haben. Wäre es nicht dieses idiotische Video gewesen, hätten sie etwas anderes gefunden. In Genf wurde unter tätiger Mithilfe des Islamisten Tariq Ramadan und der lokalen Linken vor einigen Jahren das Mohammed-Stück des grossen Aufklärers Voltaire abgesetzt. In England kam es zu Demonstrationen gegen ein Werk des Filmkünstlers Scorsese, das angeblich einen islamischen Propheten beleidigte.

Worauf wollen Sie hinaus?
Voltaire formulierte unser Konzept von Meinungsfreiheit so: «Du bist anderer Meinung als ich. Und ich werde dein Recht dazu bis in den Tod verteidigen.» Diese kulturgeschichtlich grossartige Sentenz müsste man eigentlich all die Politiker und Publizisten, die nun wieder Religion gegen Meinungsfreiheit in Stellung bringen, tausendmal aufschreiben lassen - als Strafe für ihre Demokratie- und Rechtsvergessenheit.

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