Auf einen Espresso Über Schuldgefühle und die USA als Sündenbock

Frank A. Meyer und Marc Walder
© Thomas Buchwalder

Marc Walder, 49, ist CEO der Ringier AG Frank A. Meyer, 70, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, haben Sie eigentlich Freude daran, dass zurzeit das Amerika-Bashing wieder Hochkonjunktur hat?
Wie kommen Sie darauf, dass mir Anti-Amerikanismus Freude macht?

Sie sind ein überzeugter Europäer, Sie sind ein scharfer Kritiker des Kapitalismus. Und Sie sind ein dezidierter Skeptiker der Globalisierung …
Mit all dem haben Sie recht, deshalb bin ich aber noch kein Anti-Amerikaner. Im Gegenteil: Ich bin ein vehementer Gegner jener Kräfte in Politik und Publizistik, die Amerika gerade wieder zum Sündenbock aller Fehlentwicklungen dieser Welt stilisieren wollen.

Sündenbock ist ein gutes Wort: Kobane, Klimawandel, Killerviren – Amerika soll an allem schuld oder mitschuldig sein.
Das ist leicht zu erklären: Die USA sind die letzte Super-Macht. Sie wirken überall mit, wo etwas Bedeutendes geschieht. Die Nation ist zu gross für ihre Grenzen: Löst die NSA einen Abhörskandal aus, ist von Rio de Janeiro bis Peking praktisch jeder betroffen. Richtet Wall Street Unheil an, beginnen Volkswirtschaften rund um den Globus zu schlingern. Zieht Washington in einen unnötigen Krieg, geraten ganze Regionen aus den Fugen – und Europa durch aggressive Islamisten in Gefahr.

Eben.
Ja, eben! Das ist eben Amerikas Schicksal. Was natürlich seine Fehler – wie den Einmarsch in den Irak 2003 – und Verbrechen – wie den Putsch gegen Salvador Allende in Chile 1973 – nicht entschuldigt.

Aber?
Aber diese Fehler und Verbrechen sind nicht Amerika, und Amerika ist nicht nur das Problem der Welt, sondern auch ihre Hoffnung.

Was meinen Sie damit?
Seine Luftwaffe bombardiert die Dschihadisten des IS, sein Präsident hat versprochen, die islamistische Verbrecherbande zu vernichten, seine Diplomaten versuchen, eine weltweite Allianz gegen diese neue Dimension des Terrors zu schmieden. Wer sonst kann das? Welche Macht ist stets bereit, unsere Freiheit zu schützen? Es sind die USA mit ihren Dollar-Milliarden – aber auch mit dem Leben ihrer Soldaten. Ich werde nie vergessen, wie Amerika jahrzehntelang zum eingemauerten und bedrohten West-Berlin stand. Dabei wäre es für Washington ein Leichtes gewesen, mit der Sowjet-Macht einen Deal auszuhandeln und die isolierte Frontstadt aufzugeben. Westeuropa hätte keine Woche getrauert.

Aber was sind dann die tieferen Gründe für diese Amerika-Abneigung?
Es gibt psychologische Gründe. Und es gibt historische Gründe.

Nämlich?
Amerika steht für das Übergewicht der sogenannten Ersten Welt gegenüber der Dritten Welt. Diese in der Geschichte oft rücksichtslose, ja brutale Macht ist vielen Menschen in unseren hochzivilisierten Demokratien unheimlich. Die Geisselung Amerikas ist letztlich die Selbst-Geisselung des Westens für seine kolonialistische Vergangenheit: Wir fühlen uns an allem schuld.

Haben Sie einen Beleg für Ihre These?
Sogar einen sehr aktuellen: die Auseinandersetzung um den Gazastreifen im Sommer dieses Jahres. Jahrelang beschossen die Verbrecher der islamistischen Hamas-Regierung ihr Nachbarland Israel mit Mörsergranaten und Raketen. Bis Israel reagierte, die Abschussrampen der Hamas zerstörte, die häufig in Kindergärten, Schulen und Spitälern angelegt waren – ganz bewusst so, dass bei ihrer Zerstörung durch israelische Bomben Frauen und Kinder getötet wurden.

Worauf wollen Sie hinaus?
Dass in den Augen vieler Zeitgenossen dennoch nicht die Hamas schuld war an den zivilen Opfern, sondern der Westen: neben dem «Grossen Satan» USA der kleine Satan Israel. Aus seinem ewigen Schuldkomplex heraus fühlt sich der Westen nun verpflichtet, Milliarden in den Wiederaufbau von Gaza zu stecken. Wohlgemerkt: in den Aufbau eines religiös-totalitären Staates. Übrigens wird das Lohngeld von Katar aus durch die Schweiz in die Kassen der Hamas-Beamten gelenkt – alle sind wir an allem schuld. Sogar die Schweiz!

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