Auf einen Espresso Über eine Schweiz, die ihre Suppe nicht essen will

FRANK A. MEYER UND MARC WALDER - FRAGEN UND MEINUNGEN ZU DEN THEMEN DER WOCHE.
Auf einen Espresso mit Frank A. Meyer und Marc Walder neue Bilder
© Thomas Buchwalder

Marc Walder, 49, ist CEO der Ringier AG. Frank A. Meyer, 70, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, Sie geben ja selten Interviews. Vergangene Woche aber haben Sie dem «Bieler Tagblatt» eines gewährt. Die Überschrift war ein Zitat von Ihnen: «Wir sind doch schon in der EU!» Das – beim besten Willen – verstehe ich nicht.
Sie verstehen ja auch nicht, warum Sie auf der Welt sind. Wir sind einfach auf der Welt. Das ist die Realität. Und genauso ist die Schweiz auf der Welt, und zwar mitten in Europa. Europa aber ist die Europäische Union. «Auf der Welt sein» bedeutet daher für die Schweiz: mitten in der EU sein.

Es gibt doch einen grossen Unterschied zwischen der Schweiz, die lediglich durch die bilateralen Verträge mit der EU verbunden ist, und Nationen, die Mitglieder der Europäischen Union sind, oder?
Der Unterschied besteht darin, dass die Schweiz nicht mitentscheiden kann, dass sie nicht einmal mitreden kann, dass sie sich mit der Passiv-Mitgliedschaft begnügen muss. Dabei wirkt die EU nicht nur über die bilateralen Verträge tief in die Schweiz hinein, sondern auch durch alles andere, was sie entscheidet, was sie beeinflusst, was sie vorbereitet. Sogar von dem, was die EU ignoriert oder unterlässt, ist die Schweiz betroffen. Das heisst: Die Europäische Union ist für die Schweiz gegenwarts und zukunftsbestimmend.

Sie formulieren im Gespräch mit dem «Bieler Tagblatt» auch folgenden Satz: «Wenn die Schweiz in der EU wäre, dann würde spätestens nach zehn Jahren in einem EU-Vertrag stehen, der Kommissionspräsident müsse ein Schweizer sein.» Überschätzen Sie da die Schweiz nicht ein wenig?
Wenn mich meine Freunde aus der deutschen Politik mal wieder für mein Heimatland loben, das sich ja klugerweise nicht in die Weltpolitik einmische, antworte ich jeweils mit genau diesem Satz. Für mich ist die Schweiz ein grosses Land, ja ein grossartiges Land: mit geschichtlichem Genie, mit unternehmerischem Ungestüm, mit traditionellem Talent zu Konsens und Konkordanz. Und weil die Schweiz ein grosses und grossartiges Land ist, zudem eine wirtschaftliche Mittelmacht, müsste sie sich einmischen.

Wie – einmischen?
In den Lauf der Dinge: in Europa, sogar in der Welt. Ich sehe zum Beispiel nicht ein, wieso beim G8-Gipfel der wirtschaftlich bedeutendsten Nationen Russland dabei ist, das nichts zu bieten hat ausser Gas und Öl, aber nicht die Schweiz, die als Finanzmacht, als Industriemacht, als Innovationsmacht absolut spitze ist.

Sie drehen also den Spiess um und sagen: Die Schweiz ist viel grösser und kräftiger – ja mächtiger –, als sie sich selber sieht.
Sie waren Sportler, lieber Marc Walder, Spitzensportler sogar: Sie waren Tennisprofi.

Lange her …
… Sie haben Ihre Fähigkeiten in diesem Sport gespürt: auf dem Platz, im Spiel, im Kampf. Nicht im Liegestuhl daheim. Die politische Willensnation Schweiz verhält sich wie eine Fussball-Mannschaft voller Spitzenspieler, die erklärt: In der Champions League wollen wir nicht spielen, denn die findet im Ausland statt.

Ist die EU denn Champions League, Frank A. Meyer?
Die EU ist der wettbewerbstärkste Wirtschaftsraum der Welt, mit der global höchsten Qualität ihrer Produkte, mit der grössten Kaufkraft ihrer Bürger, mit der intelligentesten sozialen Infrastruktur. Und die Schweiz trägt zu dieser Stärke bei. Dennoch verweigert sie sich wie Suppenkasper: «Nein, meine Suppe ess ich nicht!» Tatsächlich geniessen wir täglich von dieser Suppe. Es sollte eigentlich unser Stolz sein, endlich mitzukochen.

Die Schweizer wollten bisher stets, dass die Schweiz die Schweiz bleibt.
Nehmen wir Dänemark als Beispiel: Dänemark ist in der EU, ist Dänemark deshalb nicht mehr Dänemark? Oder ist Portugal nicht mehr Portugal? Oder ist Polen nicht mehr Polen? Die EU setzt sich zusammen aus lauter stolzen, souveränen, selbstbewussten Nationen. Dieses Selbstbewusstsein fehlt meiner Heimat. Sie verkriecht sich in ihrem Angstbewusstsein.

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