Auf einen Espresso Über Smartphones, Shopping und die Sucht nach Hektik

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
Marc Walder, 47, ist CEO der Ringier AG. Frank A. Meyer, 68, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin.
© Thomas Buchwalder Marc Walder, 47, ist CEO der Ringier AG. Frank A. Meyer, 68, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin.

 

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, die katholische und die evangelische Kirche haben sich mit den Gewerkschaften zu einer «Sonntagsallianz» zusammengetan. Und bekämpfen nun längere Verkaufszeiten von Läden und Tankstellen. Einsiedelns Abt Martin Werlen, der Ende Jahr zurücktreten wird, warnt gar vor einem drohenden «Burnout der Gesellschaft». Sehen Sie das auch so?
Erstens bin ich seit je gegen alles, was den Konsumrausch steigert. Zweitens halte ich den Begriff «Burnout der Gesellschaft» für absolut zutreffend.

Aber dramatisieren der Abt und Sie da nicht zu sehr? Nur weil ein paar Tankstellen an Hauptverkehrswegen länger offen bleiben dürfen, erleidet die Schweizer Gesellschaft doch noch keinen Burnout!
Es geht auch gar nicht um die Schweizer Gesellschaft, Marc Walder.

Sondern?
Es geht um die Gesellschaft ganz grundsätzlich. Was wir hier beobachten, ist ein weiterer Schritt zur 24-Stunden-Konsumgesellschaft, zur Abschaffung des Rhythmus von Arbeitstagen und Wochenende. Rund um die Uhr soll Hektik herrschen. Wir kennen das aus dem Berufsleben. Dort führen Arbeitsdruck und Arbeitsrausch zu seelischer und geistiger Atemnot. Das deutsche Wort für Burnout lautet Erschöpfungsdepression. Die kann auch eine Gesellschaft erfassen. Ich glaube sogar: Wir stehen kurz davor.

Aber doch nicht weil die Läden ein paar Stunden länger geöffnet haben!
Natürlich nicht allein deshalb. Die Symptome der Krankheit sind vielgestaltig: Es ist die Gesellschaft des Multitasking; die Gesellschaft der totalen Informations-Überflutung; die Gesellschaft der ständigen Abrufbarkeit allen Weltgeschehens; die Gesellschaft, die sich auf nichts mehr zu konzentrieren vermag; die Gesellschaft, die nichts mehr wirklich tief zur Kenntnis nimmt; die Gesellschaft, die von jungen Menschen als permanente Party wahrgenommen wird. Immer ruft schon der nächste Event, privat wie gesellschaftlich. Fürs Innehalten fehlt die Zeit. Lächerlichster Ausdruck dieses Hektizismus ist die Lancierung von Kurzfassungen klassischer Romane: Ein jeder soll nach 15 Seiten über «Anna Karenina», «Madame Bovary» oder den «Zauberberg» mitschwatzen können.

In diesem Punkt kann ich Ihnen folgen: Alle kleben Tag und Nacht an ihrem iPhone oder Blackberry, alle hetzen durch ihren Tag und ihre Woche. Aber was wäre da zu tun?
Man muss nur Menschen im Restaurant beobachten: Sie reden zwar miteinander, zücken aber ständig ihre Blackberrys oder iPhones, starren wie blöd aufs Display, spielen mit dem Gerät herum, bis sie ihre Kommunikations-Dosis intus haben – wie Kokainsüchtige, die ständig ihr weisses Pülverchen schniefen müssen.

Und Ihr Vorschlag?
Die Gesellschaft ist bereits neurotisch genug, sie braucht längst eine Therapie. Vor allem wäre ihr konsequent der Stoff zu entziehen: Jede Ausdehnung der nervösen Zone durch erweiterte Ladenöffnungszeiten, Abschaffung des Sonntags, Störung kollektiver Erholungsphasen ist neuer, frischer Stoff für diesen Rausch.

Lieber Frank A. Meyer, Sie selbst sind doch ein Informations- und Kommunikations-Junkie! Sie lesen alles, Sie reden und telefonieren enorm viel. Sind Sie nicht ebenfalls Burnout-gefährdet?
Sie beschreiben es ja ganz präzis: Ich bediene mich konventioneller Medien, der Zeitung und des Telefons. Und ich habe gerade drei Wochen in der Provence hinter mir, in denen ich die Zeitungen von vorgestern las sowie drei Romane. Auch zu Hause in Berlin ist mein Alltag strukturiert durch das Lesen. Am Morgen Zeitung, am Nachmittag Literatur, am Abend reden darüber oder Musik hören.

Kein Fernsehen? Kein Internet?
Fernsehen schaue ich kaum, das Internet nutze ich zum Austausch von Artikeln und E-Mails. Wer den Burnout verhindern will, muss den Entzug wagen. Der arbeits- und konsumfreie Sonntag ist Entzug; die Ruhe nach dem Feierabend ist Entzug. Dass wir diesen Entzug kaum mehr aushalten, ist ein gesellschaftliches Burnout-Symptom.

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