Auf einen Espresso Über Südeuropas neuen Hass auf Deutschland

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
Marc Walder, 47, ist CEO der Ringier AG. Frank A. Meyer, 68, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin.
© Thomas Buchwalder Marc Walder, 47, ist CEO der Ringier AG. Frank A. Meyer, 68, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, in vielen Ländern Südeuropas wächst der Hass auf Berlin. Sie leben nun seit sechs Jahren in der deutschen Hauptstadt. Wie empfinden Sie diese neue Feindseligkeit?
Einerseits als verständlich, andererseits als ungerechtfertigt. 

Beginnen wir mit Ihrem Verständnis.
Europa durchlebt gegenwärtig einen gewaltigen wirtschaftlichen Umbruch, der sich vor allem im Süden des Kontinents als existenzbedrohende Finanzkrise niederschlägt. Die Antwort aus dem Norden, vor allem aus Deutschland, lautet: Sparen, sparen, sparen! In Griechenland, Italien, Spanien und Portugal herrscht bedrückende Arbeitslosigkeit; vor allem die junge Generation sieht keine Zukunft. Menschen neigen nun mal dazu, für ihr Elend einen Schuldigen zu suchen. Auch für viele Politiker in Südeuropa ist Deutschland dieser Schuldige.

Zu Recht?
Natürlich hat Deutschland im Umgang mit dem Süden nicht immer die notwendige Sensibilität gezeigt.

Was genau hat Berlin falsch gemacht?
Lange Zeit stand auf Merkels Merkblatt für die Krisenländer nur ein einziges Wort: Sparen. Obwohl führende deutsche Ökonomen auch zum Investieren raten. Schrill klingt ja nicht nur die Kritik des Südens am Norden: Deutsche Medien berichten immer wieder voller Verachtung über den Schlendrian in Südeuropa. Sie spotten, lästern und hetzen, oft mit rassistischem Unterton. Sie erwecken bei ihrem Publikum den Eindruck, jenseits der Alpen könne man weder lesen noch schreiben – und schon gar nicht rechnen.

Sie sagten, dass die Deutschland-Feindlichkeit teilweise ungerechtfertigt sei. Können Sie auch das präzisieren?
Wer so gigantische Strukturprobleme zu verantworten hat wie Griechenland, Italien, Spanien oder Portugal, sollte Verständnis dafür haben, dass auch Deutschland Fehler macht. Vor allem ist es absurd, den Deutschen ihren wirtschaftlichen Erfolg und die daraus entstandene politische Kraft vorzuwerfen. In vielen Fällen wäre es sicher ratsam, vom deutschen Beispiel zu lernen.

Es ist doch so: Wer aus dem Süden nach Norden blickt, sieht, dass es Deutschland dank der Europäischen Union bestens geht. Viele haben da den Eindruck, für den deutschen Erfolg zu bezahlen.
Sicher hat Deutschland jahrelang seine Exporte durch extreme Lohnzurückhaltung verbilligt – und damit eine Art Abwertung des deutschen Euro herbeigeführt. Ebenso sicher hat das die Exportwirtschaft anderer Länder in Bedrängnis gebracht, die ihren Produktivitätsfortschritt an die Lohnempfänger weitergaben. Aber, lieber Marc Walder, lassen Sie uns doch einmal von etwas anderem reden als der wirtschaftlichen Oberfläche, nämlich von den kulturellen Grundlagen des deutschen Erfolges.

Bitte.

Deutschland ist geprägt durch Tugenden und Gebote, die auf das Erbe von Luthers Reformation zurückgehen: Fleiss, Verantwortung, Disziplin, Idealismus, auch Liberalismus sind Kraftfelder seiner Geschichte. Übrigens nicht nur der deutschen Geschichte. Wir erleben gerade den Erfolg des protestantisch geprägten Europa: von der Schweiz über Deutschland, die Niederlande, Norwegen, Dänemark und Schweden bis nach Finnland. Die politische Kultur dieser Länder kollidiert plötzlich mit den katholisch und orthodox geprägten Demokratien.

Das heisst?
Europäisch denken bedeutet eben nicht nur ökonomisch denken. Europa ist im wahrsten und im tiefsten Sinne des Wortes ein multi-kulturelles Gebilde – kein Rechenexempel.

Aber ohne Rechnen, ohne Ordnung, ohne Reformen, um die Finanzhaushalte in den Griff zu bekommen, werden diese Länder innerhalb der Eurozone nicht bestehen können.
Sie verwenden da bereits den zentralen Begriff: Reform. Man müsste eigentlich sogar sagen Reformation! Denn ohne Reform im Geiste der Reformation, ohne Rückgriff auf  protestantische Ethik geht es nicht.

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