Auf einen Espresso Über Verantwortung und Verantwortung

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
© Thomas Buchwalder Frank A. Meyer, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Marc Walder, 45, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, wie geht es Ihnen eigentlich inzwischen?
Seit meiner Augenoperation, meinen Sie?

Mitte Februar mussten Sie sich ja einem Eingriff unterziehen …
… ich lebe seit zwanzig Tagen mit einem Gas-Auge. Wobei ich ausdrücklich betonen möchte, dass es sich nicht um ein Glas-Auge handelt. Und das ist leider auch schon die einzige müde Pointe, die ich zu dieser Netzhaut-Affäre beisteuern kann.

Sie dürfen seit drei Wochen weder lesen noch schreiben. Wie übersteht dies ein Buchstaben-Junkie wie Sie?
Ich darf nicht lesen, bevor sich das Gas im linken Auge abgebaut hat, das bei der Vernarbung des Risses in der Netzhaut hilft – jedenfalls habe ich den behandelnden Arzt so verstanden. Das ist für mich die Höchststrafe, nach 25 Jahren täglichem Zeitungslesen, Zeitschriftenlesen, Bücherlesen – und natürlich Selberschreiben.

Was ist in dieser nicht ganz einfachen Phase die wichtigste Erfahrung für Sie?
Erstens: Dass es sehr viel Schlimmeres gibt. Und zweitens: Dass ich erlebt habe, wie wertvoll Menschen sein können, denen der Markt offenbar nur einen geringen pekuniären Wert beimisst.

Sie meinen das medizinische Personal?
Krankenschwestern verdienen wenig, erbärmlich wenig. Und sie arbeiten viel, enorm viel. Vor allem tragen Sie eine riesigeVerantwortung. Aber nicht nur Krankenschwestern verdienen zu wenig. Letztlich verdient das ganze Pflegepersonal zu wenig, gemessen an der Verantwortung, also am Wert seiner Arbeit, den ich buchstäblich am eigenen Leibe erfahren und zu schätzen lernen durfte. Nicht einmal die Ärzte werden von der magischen Lenkungskraft des Marktes, die unsere Voodoo-Ökonomen ja ständig im Munde führen, nach ihrem tatsächlichen Wert entlohnt.

Worauf wollen Sie hinaus?
Ich möchte mit einer Frage antworten, lieber Marc Walder: Wieso verdienen Banker und Bänkerchen hundert Mal oder tausend Mal mehr als Menschen, die andere pflegen, Verantwortung für ihre Gesundheit, ihr Wohlergehen, oft sogar ihr Leben übernehmen?

Ich verstehe, wovon Sie reden. Auch in der Gastronomie, um nur eine Branche von vielen zu nennen, verdienen Angestellte sehr wenig, obwohl sie häufig Enormes leisten.
Da haben Sie sicher recht. Aber die Gegenüberstellung des Gesundheitspersonals mit den Hütchenspielern der Finanzwirtschaft macht erst wirklich deutlich, worum es geht: Um die Verzerrung, ja die Umkehrung aller Werte in einer total durch-ökonomisierten Gesellschaft. Stellen Sie sich vor, der Chef der Deutschen Bank läge auf dem Operationstisch, kurz vor der Vollnarkose; seine Gesundheit, vielleicht sein Leben liegt ganz in den Händen der Ärzte und Schwestern.

Ich stelle es mir vor …
… und jetzt müsste unser Finanzmanager auf die Frage antworten, wer denn die grössere Verantwortung trägt: Er mit seinem Zig-Millionen-Gehalt? Oder die grün vermummten Menschen um ihn herum, denen er sich ganz und gar anvertraut. Die Antwort wäre in dieser Situation wohl eine ganz andere als die anmassenden Sprüche, die man von solchen Leuten in Fernseh-Talkrunden zum Thema Manager-Gehälter zu hören bekommt.

Ihr Beispiel leuchtet jedem ein. Die Frage muss trotzdem erlaubt sein: Wie wird Verantwortung in einer Gesellschaft definiert?
Bei Dr. Joachim Wachtlin, meinem wunderbaren Operationsarzt im Sankt-Gertrauden-Krankenhaus in Berlin, ist die Verantwortungganz klar definiert: Es geht bei jeder Operation um das konkrete Wohlergehen des Patienten. Wie aber steht es etwa um dieVerantwortung unseres Landsmanns Joe Ackermann, die er als oberster Chef für sämtliche Fehlentwicklungen der Deutschen Bank in den letzten zehn Jahren zu tragen hätte? Gerade noch rechtzeitig hat er sich in die Schweizer Büsche geschlagen, unter Mitnahme eines gewaltigen Boni-Vermögens. Um seine Hinterlassenschaft, die Ruf-ramponierte Deutsche Bank, sollen sich andere kümmern.

Und?
Wo greift da, lieber Marc Walder, der Begriff Verantwortung, wie er seit Jahren von den Ackermännern dieser Welt beschworen wird, um ihre exorbitanten Gehälter zu rechtfertigen?

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