Auf einen Espresso Über Wall Street und den neuen Klassenkampf

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
FRANK A. MEYER, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. MARC WALDER, 46, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
© Thomas Buchwalder FRANK A. MEYER, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. MARC WALDER, 46, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, was halten Sie von den jungen Leuten, die seit fast einem Monat in New York demonstrieren?
Sie erfreuen mich.

Wie bitte? Letzte Woche verurteilten Sie hier noch in aller Schärfe die Zürcher Krawallmacher!
Was haben denn die Knaben und Mädchen vom Bellevue mit den Demonstranten an der Wall Street zu tun?

Zum Beispiel, dass sie nicht zu wissen scheinen, warum sie sich jedes Wochenende Scharmützel mit der Polizei liefern und für oder gegen was sie eigentlich demonstrieren …
Gegen was die jungen Leute von «Occupy Wall Street» kämpfen, macht schon die Adresse ihres Protestes klar: das Weltfinanzzentrum in Manhattan.

Pauschal gegen den Kapitalismus zu demonstrieren ist genauso sinnvoll wie eine Demonstration gegen den Regen!
Das sagt nur jemand, der nicht mehr an Veränderungen glaubt. Die Aktivisten von der Wall Street kämpfen gegen die Allmacht der globalisierten Finanzwirtschaft. Vor allem wehren sie sich dagegen, dass unersättliche Gier und skrupelloses Profitstreben die Welt beherrschen – von New York über London und Zürich bis nach Singapur und Schanghai. Sie wehren sich dagegen, dass die Politik sich dieser illegitimen Macht unterwirft.

Aber warum, lieber Frank A. Meyer, erhebt denn dieser wilde Haufen keine einzige sinnvolle politische Forderung?
Das ist kein «Haufen»! Das sind Menschen, die sich grosse Sorgen machen: um ihre eigene Zukunft, um die Zukunft ihres Landes, um die Zukunft der Demokratie, um die Zukunft des Rechtsstaates. Allerdings drücken sie diese Sorgen nicht im üblichen Jargon der Politik aus. Es handelt sich um mehr als nur um eine politische Bewegung.

Inwiefern?
Die Proteste, die inzwischen ja auch Boston, Washington, Chicago und Los Angeles erreicht haben und die sich anschicken, auf Europa überzugreifen, reichen viel tiefer: Es handelt sich im wahrsten Sinne um eine kulturelle Bewegung.

Das müssen Sie erklären!
Die jungen Leute legen den Finger in die grösste und schmerzlichste Wunde unserer modernen kapitalistischen Gesellschaft: Völlig abgehobene Spekulanten, Hedgefund-Manager und Investmentbanker zerstören mit ihrem entfesselten Tun unsere kulturellen Werte. Sie führen mit computerisierten Milliarden-Wetten einen Krieg gegen ganze Volkswirtschaften, ja gegen den Rest der Welt! Sie werden dabei ideologisch unterstützt durch die Propheten des Neoliberalismus an den Universitäten, in der Politik und in den Medien. Die Wall-Street-Besetzer kämpfen gegen die Unkultur dieses Finanzterrors.

Geben Sie dieser Bewegung denn tatsächlich eine Chance – könnte daraus ein neues 1968 entstehen?
1968 war eine reine Jugendbewegung. Das ist heute anders. Das Unbehagen ist breiter. Auch etablierte Bürgerinnen und Bürger der Mittelschicht, ja sogar Unternehmer und Manager erkennen, dass es so nicht weitergehen kann. Letztlich haben wir es mit einem neuen Klassenkampf zu tun: wertschöpfende Wirtschaft und Werte schaffende Gesellschaft gegen die Wert-Abschöpfer. Es ist ein Kampf des produzierenden Kapitalismus gegen den spekulierenden Kapitalismus. Die Zeit des Irrglaubens an das neoliberale Heil neigt sich offenbar dem Ende zu.

Sehen wir also demnächst auch Sie an der Wall Street demonstrieren – oder auf dem Paradeplatz in Zürich?
Ich demonstriere mit Worten.

...........................................................................................................................................

Ihre Meinung interessiert uns: Diskutieren Sie mit – im unten zur Verfügung gestellten Kommentarfeld.

 

Auch interessant