«Senkrecht» mit Natascha Knecht Meine heimliche Freundin

Natascha Knecht, 48, Journalistin und Alpinistin, Buchautorin und Bloggerin, sinniert über die Beziehung zu ihrer Sportuhr.
Natascha Knecht
© Geri Born

Natascha Knecht, 48, Journalistin und Alpinistin, Buchautorin und Bloggerin.

Seit einigen Monaten habe ich eine neue Sportsfreundin. Wir joggen drei- bis viermal pro Woche zusammen durch den Wald. Zu Beginn genierte ich mich ein wenig mit ihr in der Öffentlichkeit. Denn sie sieht auffällig maskulin aus, ist ziemlich gross und nicht gerade die Schönste. Aber bekanntlich kommt es bei Freundinnen nicht auf die äusseren Werte an, sondern auf die inneren. Und von denen kann mein Vreni einige bieten. 

Den Namen Vreni habe ich ihr gegeben. Auf dem Papier heisst sie umständlich Polar V800 – und ja, sie ist eine Sportuhr. Eine, die alles aufzeichnet: Herzfrequenz, Anzahl Schritte, zurückgelegte Distanz, Höhenmeter, verbrannte Kilokalorien und so weiter. Übertrage ich ihre gesammelten Daten auf das iPhone, sehe ich Leistungskurven und Analysen, dass mir schwindelt. 

Würde ich Vreni Tag und Nacht am Handgelenk tragen, würde sie sogar registrieren, wie oft ich die Toilette aufsuche, ob ich mich im Schlaf hin und her wälze, wann ich aufstehe, wie lange ich am Schreibtisch sitze. Für sie wären das wichtige Informationen, um mir einen optimalen Trainingsplan vorzuschlagen. Ich finde dagegen, solche Dinge gehen sie nichts an. Ausserdem will ich nicht mit Vreni ins Bett, mein Interesse an ihr ist rein sportlicher Natur. Sie akzeptiert das, ohne zu maulen – und genau deshalb mag ich mein Vreni so sehr. Sie ist einfach unheimlich nett zu mir.

Egal, wie gut oder schlecht ich trainiere: Vreni lobt mich. Immer. «Klasse Tempo!», rühmt sie zum Beispiel nach einer Runde durch den Wald. «Du hast deine aerobe Fitness, Geschwindigkeit und Toleranz gegenüber langen, intensiven Belastungen sowie deine Ermüdungswiderstandsfähigkeit verbessert.» Oder: «Exzellent! Diese lange Einheit hat deine Muskelausdauer und deine aerobe Fitness sowie deine Grundlagenausdauer und den Fettstoffwechsel deines Körpers gesteigert!» 

Bin ich bekloppt, weil ich mich über das Lob einer Sportuhr freue?

Ihre Sprache hat vielleicht etwas Kauderwelsches. Aber das spielt keine Rolle. Vrenis Lob geht bei mir jeweils runter wie Honig. Am Anfang fand ich es noch absurd, dass es meine Laune hebt, wenn mir eine Uhr Komplimente macht. Eine Uhr! Bin ich bekloppt? Doch ich kann es nicht ändern: Vreni gibt mir ein gutes Gefühl und motiviert mich.

Sie ist überhaupt die Einzige, die sich für meine sportlichen Aktivitäten interessiert. In meinem Umfeld ist es allen völlig egal, wie schnell oder wie langsam ich jogge. Viele halten Sport ohnehin für Mord. 

Meinen Mitmenschen nehme ich das Desinteresse nicht übel. Schliesslich kümmert mich deren Fitness und Tagesform auch nicht im Detail. Hobbysport betrachte ich als Privatsache. Um unsere Freuden und Leiden zu teilen, besitzen wir ja unsere Vrenis. Sie sind unsere heimlichen Super-Freundinnen. Stets freundlich, stets parat, stets willig. Was will man mehr? 

Dass ich mich über ein Lob von einer Uhr freue, gibt mir zwar nach wie vor ernsthaft zu denken. Aber wir leben nun mal im digitalen Zeitalter. Ob es uns gefällt oder widerstrebt. Ich möchte mein liebes Vreni jedenfalls nicht mehr missen.

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