Notabene von Chris von Rohr «Oh Mann!»

Musiker, Produzent und Autor Chris von Rohr, 66, schreibt in seiner neuesten Kolumne über die Darstellung der Frau in unserer Gesellschaft.

Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, wo James Bond im Viertelstundentakt Frauen flachlegen durfte. Catherine Deneuve prostituierte sich damals aus Langeweile in «Belle de Jour», und Ex-Bond-Girl Kim Basinger erforschte mit Mickey Rourke in «9 ½ Wochen» das Gebiet der Sexpraktiken. Unsere Groupies stürmten in den USA hemmungslos Tourbus und Hotelzimmer. Ich erlebte Freizügigkeit und Unbekümmertheit.

Eins war für mich jedoch von jeher selbstverständlich: Ein sexueller Austausch geschieht ausschliesslich auf gegenseitigen Wunsch. Niemals könnte ich mich mit einem verängstigten Gegenüber amüsieren.

Die Darstellung der blossen Frau entsteht oft aus einer grandiosen Bewunderung heraus

Mir gefallen starke, freche und lebenslustige Frauen. Für mich und viele andere Künstler ist die Weiblichkeit eine unerschöpfliche Inspirationsquelle. Kunst lebt von Leidenschaft und Freiheit. Die Darstellung der blossen Frau entsteht oft aus einer grandiosen Bewunderung heraus. Derzeit wird sie jedoch fast hysterisch verfolgt, was ich als heuchlerische, übereifrige und falsch verstandene Gerechtigkeit empfinde. Aber wann kippt kreative Lebenslust in verachtende Ausbeutung und Demütigung? Der Grat ist schmal, und auch ich weiss, dass Menschlichkeit nicht bei allen Leuten standardmässig ab Werk geliefert wird.

Grobiane und Schweinepriester trifft man in allen Positionen. Das Leben ist oft ein Dreckgeschäft. Und je wichtiger dem Menschen etwas ist, desto mehr Opfer bringt er dafür, was die Begründerin vieler unschöner Spielregeln ist.

#metoo läuft aus dem Ruder

Aber gerade Frauen haben ein für mich beeindruckendes Sensorium dafür, was in der Luft liegt. Deshalb frage ich mich, weshalb eine Frau, die körperlich nichts von einem Mann will, überhaupt mit ihm in irgendwelche Hotelzimmer steigt? War es die naive Hoffnung auf Zuneigung und dass ein Märchen wahr wird? Dies könnte ich verstehen – auch ihre Ernüchterung, wenn die Landung hart war. Und was, wenn doch auch ein bisschen Kalkül vonseiten der Frau im Spiel war …?

Die MeToo-Sache ist etwas aus dem Ruder gelaufen: Zahllose Anschuldigungen, meist aus längst vergangenen Zeiten, füllen die Klatschspalten. Namen und Vermutungen werden schonungslos rausgehauen. Verdachte ersetzen Verfahren. Mediale Hetzer beanspruchen die Deutungshoheit. Die Gerichtshöfe der Moral kennen keine Prozessordnung – sie wollen einfach Blut sehen und Rache. Jeder, der sich dieser Vorverurteilung entgegenstellt, macht sich bereits zum Komplizen – wird an den digitalen Pranger gestellt. Hexenverbrennung im Zeitalter des Internets. Übertreibung und Sensationsgier kennen keine Grenzen.

Ich befürchte damit auch eine Ablenkung von all den Missständen fernab von Glitzer und Gloria. Denn viele Tragödien finden ganz alltäglich in allen Bevölkerungsschichten statt. Psychische oder physische Herrschaft in Form von häuslicher Gewalt sind keine Rarität. Sie passieren jeden Tag in unserer Nähe und lassen die Polizei regelmässig ausrücken. Frauen werden von Männern kaltblütig als Besitztum, Mülleimer und Boxsack benutzt. Nicht dass alle Frauen nette Feen wären – aber wenn es zwischen zwei Menschen eskaliert, dann kommen sie als körperlich Unterlegene drunter. Grenzüberschreitendes Verhalten geht grundsätzlich um ein Vielfaches häufiger von Männern aus. Und in den Schulen drängen immer mehr neue, junge, prügelfreudige Machos nach.

Der Krieg der Geschlechter ist noch lange nicht zu Ende

Gegen diese Art brutaler Männerherrschaft hört man rein gar nichts von all den Feministinnen und sonstigen Gutmenschen. Dabei sollten gerade jene realitätsfernen Kreise ihren Permafrust endlich überwinden und die Entwertung der Frau mal wirklich aufgreifen, statt sich trötzelnd aus der Verantwortung zu stehlen und die ewige Rassismuskeule gegen jene zu schwingen, die Fakten und Zahlen auf den Tisch legen.

Der Krieg der Geschlechter ist noch lange nicht zu Ende. Es lässt sich nicht verleugnen. Viele meiner männlichen Artgenossen sind Neandertaler geblieben, was die Weiblichkeit angeht. Manche sind penisgesteuerte, hirnlose Bittsteller. Viele trauen sich aus Furcht vor Abweisung kaum, eine Frau anzusprechen, andere verwechseln sie gleich mit einem Selbstbedienungsladen. Dies scheint vor allem jungen Frauen nicht klar zu sein. Denn die Signale, die sie aussenden, wenn sie sich nur mit Spuren von Bekleidung in der Öffentlichkeit zeigen, können ihnen zum Verhängnis werden.

Das Pendel einer Zeit, in der scheinbar alles ging, hat vehement zurückgeschlagen – jetzt sollte es sich bitte schön wieder einmitten. Ich wünsche mir endlich Respekt und Fairness in allen Betten und Fahrstühlen.

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