«Senkrecht» mit Natascha Knecht «Ä chli chläbe mueses»

Natascha Knecht, 48, Journalistin und Alpinistin, Buchautorin und Bloggerin erklärt, weshalb sie ein Mal und danach nie mehr Ovo Sport in die Berge mitgenommen hat.

Nie vorher und nie nachher habe ich so viel gelernt wie auf meiner ersten Sektionstour mit dem Schweizer Alpen-Club (SAC). Sie ging auf den Piz Morteratsch (3751 m) im Bündnerland. Ich war eine blutige Anfängerin im Hochgebirge – und in vielerlei Hinsicht sehr unbedarft. Auch was meinen Proviant anging.

Jede Extra-Socke ist genau überlegt

Denn anders als beim Wandern in tieferen Regionen warten im vergletscherten Terrain keine Alpbeizli. Als Bergsteiger müssen wir alles selber mitschleppen. Nehmen nur mit, was zwingend mitmuss. Achten auf jedes Gramm. Jedes Seil, jeder Karabiner, jeder Kaugummi, jede Extra-Socke ist genau überlegt. Das gilt auch für die Verpflegung: Ein Apfel zum Beispiel, er wäre super, ist aber 
viel zu gross und zu schwer für die wenigen Kalorien, die er liefert. Nein, im Hochgebirge brauchen wir Nahrung von minimalem Gewicht und maximaler Energiedichte.

So entschied ich mich bei meiner ersten Sektionstour für Ovo Sport. Unbedarft, wie sich herausstellte. Der traditionelle Schweizer Energieriegel leistete seine versprochenen Dienste zwar ausgezeichnet: Ich konnte es nicht besser, aber länger. Beim Aufstieg gönnte ich mir den ersten Riegel, oben kaute ich den zweiten. Wir machten fröhlich Gipfel-Bilder. Grinsten breit in die Kameras, deren Negative man damals noch entwickeln lassen musste.

Das Ovo Sport klebte überall an meinen Zähnen und Lippen. 

Logisch konnte ich später kaum warten, bis die Fotos in meinem Briefkasten lagen. Als es so weit war, traf mich schier der Schlag: Auf allen Gipfelfotos sah ich aus wie ein Zombie. Das Ovo Sport klebte überall an meinen Zähnen und Lippen. Wie früher auf der Schulreise. Hätte ich die Bilder auf Facebook veröffentlicht, wären sie garantiert zensuriert worden. Aber zu dieser Zeit gab 
es noch keine Social Media – und eigentlich hatte ich dieses lehrreiche Erlebnis längst vergessen.

Doch als mir jetzt die Juli-Ausgabe des SAC-Magazins «Die Alpen» ins Haus flatterte, musste ich wieder daran denken. Die Redaktion druckte einen «Ovo-Tatsachenbericht» ab, der schon einmal erschienen war: nämlich vor 80 Jahren, nachdem die Eigernordwand erstmals durchstiegen wurde. Die «Mordwand» galt als das «letzte Problem der Alpen», und kaum jemand hielt es für möglich, dass sie «bezwungen» werden kann. Aber im Juli 1938 schafften es zwei Deutsche und zwei Österreicher. 

Journalisten aus aller Welt strömten auf die Kleine Scheidegg und überboten sich mit sensationslüsternen Berichten. Nicht so der SAC. Er vermeldete den Erfolg lediglich in einer kargen Randnotiz: sechs Zeilen im Chronikteil der Club-Zeitschrift. 

Was für eine Werbung! 

Nur im Reklameteil erfuhren die Alpen-Clubisten mehr – dank der Dr. A. Wander AG. Sie ist 
die Herstellerin von Ovomaltine und platzierte einen ganzseitigen «Tatsachenbericht». Darin informierte sie, dass «die Bezwinger der Eigerwand unsere Ovomaltine wählten». Und zwar «aus eigenem Antrieb». Kein Sponsoring! 


Was für eine Werbung! Ich habe trotzdem nie mehr Ovo Sport in die Berge mitgenommen. Auch wenn mir gesagt wurde: 
«Ä chli chläbe mueses.»

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