Notabene Helmut Hubacher Aktenzeichen 125

Der ehemalige SP-Präsident und Buchautor Helmut Hubacher, 86, über die 25 Bundesratswahlen, die er schon miterlebt hat.

Der Werbeprofi Rudolf Farner hatte provoziert: «Für eine Million mache ich aus einem Kartoffelsack einen Bundesrat.» Das hat sich am 9. Juni erledigt. Die Volkswahl des Bundesrats ist grandios gescheitert. Nicht zuletzt wegen der Million. Aus der eine Millionenkampagne geworden wäre.

Ich habe 25 Bundesratswahlen mitgemacht. Natürlich wird taktiert. Wie bei einem Kuhhandel. Warum nicht? Politik ist nun mal keine Sonntagsschule. Jede Bundesratswahl ist ein seltenes und daher besonderes Ereignis. Vom Ausgang her ist oft viel «Wetten, dass …?» dabei.

Natürlich wird taktiert. Wie bei einem Kuhhandel. Politik ist keine Sonntagsschule.

Alain Berset ist der amtsjüngste Bundesrat. Im Archiv wird er als «Aktenzeichen 125» registriert. In 165 Jahren Bundesstaat sind bisher erst 125 Bundesräte gewählt worden. In Italien hätten sie für höchstens vier Jahre ausgereicht.

Jede Wahl ist speziell. Ein paar Beispiele: 1973 gabs am gleichen Tag drei Ersatzwahlen: für SP, FDP, CVP. Angefangen mit dem Solothurner Willi Ritschard. Er war gewählt worden, um einen anderen zu verhindern. Das Gesetz liess damals pro Kanton lediglich einen Bundesrat zu. Nachdem Ritschard gewählt war, meinte der CVP-Fraktionspräsident sichtlich zufrieden: «So, der Fall Schürmann wäre erledigt.»

Mich interessierte, wie er das gemeint habe. Mit Kurt Furgler hatte die CVP bereits einen Ausnahmekönner im Bundesrat. «Dazu noch den ebenso brillanten Leo Schürmann? Nein, mein Lieber, das hätten wir nicht ausgehalten. Zwei solche Alphatiere wären zu dominant geworden.» Es werden eben nicht einfach die besten Solisten gewählt. Gefragt sind eher Mannschaftsspieler.

Als ich in diesen Klub im Bundeshaus eintrat, war Walther Bringolf der absolute Politstar. «Junger Mann», hatte er sich mir vorgestellt, «ich wollte Schauspieler werden, nun bin ich Politiker. Das ist kein grosser Unterschied. Aber merke dir: Der Bringolf spielt nur Hauptrollen, keine Nebenrollen.» Folgerichtig hatte ihn die SP-Fraktion für den Bundesrat nominiert. Wen denn sonst? Die Bundesversammlung wählte nicht ihn, sondern den Basler Ständerat Hans-Peter Tschudi.

20 Jahre danach feierten wir in Schaffhausen Bringolfs 85. Geburtstag. Den ganzen Abend plagte uns der Jubilar mit seinem Frust, nicht Bundesrat geworden zu sein. Der seine Nichtwahl wohl als Majestätsbeleidigung empfunden und nie verarbeitet hatte. Er lästerte nur immer über diesen «Tschudeli».

1983 wurde statt Lilian Uchtenhagen Otto Stich gewählt. Das löste in der SP-Fraktion Empörung aus. Wir versammelten uns zum Timeout im Fraktionszimmer. Um zu entscheiden, wie weiter? Die Stimmung lag auf dem Gefrierpunkt. Niemand hatte das Wort verlangt. Nach ein paar Minuten zog der Fraktionspräsident das Fazit: «Eurem Stillschweigen entnehme ich, dass ihr mit der Wahl von Otto Stich einverstanden seid.»

Spühler trat als Aussenminister vorzeitig zurück. Und zwar auf Druck der welschen SP-Lobby. Weil der 62-jährige Pierre Graber unbedingt noch Bundesrat werden wollte. Nach einem Jahr kommentierte ich seine Arbeit in der Parteipresse. «Wenn ich an Pierre Graber denke, bekomme ich Heimweh nach Willy Spühler.» Leider gehörte die Mimose zu Grabers Lieblingsblumen. Von da an hat er mit mir kaum mehr geredet. Auch nicht, als ich Parteipräsident war.

Grabers Lausanner Spezi, Nationalrat Alfred Bussey, trug dem Bundesrat gerne die Aktentasche. In der Hoffnung, dafür mal belohnt zu werden. Graber liess ihn nach seinem Rücktritt im Regen stehen: «Wer mir die Akten trägt, wird nie Bundesrat.» Recht hatte er. Arrogant wars dennoch.

Flavio Cotti wurde 1983 Nationalrat und 1987 Bundesrat. Dazwischen befand er sich im Bundeshaus auf Goodwill-Tour. Wahrscheinlich hatte er alle 245 Abgeordneten mindestens einmal zum Essen eingeladen. Es sei, so seine Botschaft, wieder mal Zeit für einen Tessiner.

Willi Ritschard kokettierte am SP-Parteitag 1975 damit, der Bundesrat habe wenig Macht: «Das Volk ist die Regierung.» Wochen später wurde in Kaiseraugst das AKW-Gelände besetzt. Ich rief ihn an: «Willi, nun regiert es, das Volk.» Oha lätz, mürrisch tönte es zurück: «Ja, ich weiss.»

«Der Herrgott hat verschiedene Kostgänger», sagte Grossmutter. So ist es.

 

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