Unterwegs mit Susanne Hochuli Albert et Louise

Susanne Hochuli, 53, war acht Jahre Aargauer Regierungsrätin. Jetzt ist sie Präsidentin von Greenpeace Schweiz und oberste Patientenschützerin. Mit zwei Flüchtlingsfamilien lebt sie auf dem eigenen Hof in Reitnau AG. In ihrer Kolumne in der «Schweizer Illustrierten» sinniert sie über Albert und Louise, deren Geschichte vom Ersten Weltkrieg geprägt wurde.
Unterwegs mit Susanne Hochuli Kolumne in SI Ausgabe 47/2018
© HO

Im Süden Frankreichs: Zwei Kriege prägen Frankreichs Geschichte und die von Menschen wie Albert und Louise.

Louises Lachen war warm und erdig. «Sie lacht wie der Herbst», sagten die Leute im Städtchen und dachten an das sonnenbeschienene gelb-orange Laub der Reben. Sie dachten an das dunkle Holz der Rebstöcke und an die Blätter, die in den engen Gässchen zwischen den beigen Steinhäusern vom Wind getrieben tanzen und dann, müde und zufrieden, in einer Ecke liegen bleiben. Erfüllt vom Sommer, reif wie die Trauben an den Reben. So tönte Louises Lachen, so war und lebte Louise.

Albert war anders. Er war wie die kühle Schönheit des Lavendels mit seinen violetten Blüten und grausilbernen Blättern. Deren Grau ist immer da und prägt jahrein, jahraus die Landschaft, die sich zuverlässig jedes Jahr violett einkleidet und zu duften beginnt. Auf Albert war Verlass, das wussten die Menschen von Vaison-la-Romaine (F).

Manuel, Marie und Maxim waren eine perfekte Mischung aus Albert und Louise

Albert und Louise tauften ihre drei Kinder nach dem Mistral. «Sie sollen seinen Buchstaben im Namen tragen», sagte Louise, die seit Kindheit vom Wind begleitet wurde und wusste, wie sehr er die Menschen beeinflussen kann, im Guten wie im Bösen. Manuel, Marie und Maxim waren eine perfekte Mischung aus Albert und Louise. «Wie meine Quiches», lachte Louise, «je nach Zutaten mal so, mal anders.»

Louises Quiches und ihre Lammgerichte waren bekannt und beliebt. Deshalb beschlossen sie und Albert, ihren Lebensunterhalt mit einem kleinen Bistrot aufzubessern. Mehr Arbeit gab es allemal, aber darüber sah Louise getröstet hinweg, wenn sie auf dem Heimweg vom Markt «Albert et Louise» las. Sowohl über dem Vordereingang als auch bei der Terrasse des Hauses, die hin zum Flüsschen Ouvèze lag, prangten die grossen Buchstaben, die Louise froh und glücklich machten.

«Albert et Louise»! Der Schriftzug lockte Reisende und Händler an, die über die alte Römerbrücke den Weg in den Teil des Städtchens fanden, der sich ausserhalb des mittelalterlichen Vaison-la-Romaine ausbreitete. Auf der Terrasse flatterte die Wäsche im Wind; zwar wurde nicht oft gewaschen, da das Waschen einen grossen Aufwand bedeutete neben der harten täglichen Arbeit: einweichen, schrubben, stampfen, spülen, auswringen der Kleidungsstücke und der wenigen Bett- und Tischwäsche. Als Albert fortging, schuftete Louise für zwei.

Viel später erst wurde den Kindern klar, dass ihr Vater im Ersten Weltkrieg ums Leben kam

Albert kam nicht wieder. Die Kinder, Dreikäsehochs, als der Vater wegging, verloren nach und nach die Erinnerung an ihn, obwohl Louise versuchte, diese mit ihren Erzählungen am Leben zu halten. Viel später erst wurde den Kindern klar, dass ihr Vater im Ersten Weltkrieg ums Leben kam.

Auch Manuel und Maxim verlor Louise an den Krieg. Louise fühlte sich alt und hätte sich gern wie ein Herbstblatt in einer Ecke zur Ruhe gelegt; doch sie und Marie halfen den Menschen, die aus dem Norden Frankreichs in den Süden flüchteten, um den heranrückenden deutschen Truppen im Zweiten Weltkrieg zu entkommen. Am Tod ihrer Söhne zerbrach Louise.

Am Tag des Waffenstillstands 1918, der am 11. November zum einhundertsten Mal gefeiert wurde, reiste ich durch die Provence-Alpes-Côte d'Azur. Dort flüsterte mir der Mistral die Geschichte von «Albert et Louise» ein. Eine Geschichte, welche die von so vielen Familien in Frankreich ist.

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