Annina Campell - «Brief an mein Baby» «Ich bin der Himmel, die Wanne, der Baum!«

Die Bündnerin Annina Campell ist Mutter einer Tochter, moderiert «SRF bi de Lüt live» und ab März die rätoromanische Tagesschau. In ihrer Kolumne schreibt sie, wie ihr Leben mit der Geburt ihrer Tochter eine andere Bedeutung bekam.

Krokodil, Auto und Bild! Ich bin auch der Himmel, die Wanne, der Baum. Was dir in die Augen sticht, du zeigst mit deinem winzigen Finger drauf, und jedes Mal kommt ein klares, deutliches «Mama» raus.

Ich liebe es! Ich bin deine Welt. Die Dinge bekommen jetzt offensichtlich eine Bedeutung für dich, und zwar alle dieselbe: Ich, deine Mama, bin omnipräsent.

Zum ersten Mal realisiere ich nun, wie viel ich dir bedeute. Und welch hohen Stellenwert ich bei dir geniesse. Was würde wohl in deiner kleinen Welt passieren, wenn ich plötzlich nicht mehr da wäre?

Ich war nie besonders scharf darauf, alt zu werden. Lieber das Leben in vollen Zügen geniessen und auch mal ein Risiko eingehen. Durch deine Geburt und dein Heranwachsen merke ich jedoch von Tag zu Tag mehr, wie sehr du mich brauchst. Wie sehr nur schon mein Blick dich stärkt, dir Vertrauen schenkt und Mut macht, Neues auszuprobieren. Zum Beispiel nach einem kleinen Sturz zu lachen, statt zu weinen. Nach nur einem einzigen Blickwechsel.

Meine Einstellung zum Wert des Lebens hat sich geändert. Nicht, dass ich das Leben nicht schon immer sehr geliebt hätte, aber die Sinnfrage ist für mich persönlich nun ein für alle Mal geklärt: Seit genau einem Jahr, seit dem 21. Februar 2015, als du, Anna Nina Catarina, in mein Leben gekommen bist. Ich werde gebraucht, und zwar ganz gewaltig. Was für ein wunderschönes Gefühl. Aber es macht auch Angst.

Ich fasse es nicht, aber plötzlich will ich so alt werden wie eine Schildkröte

Ich merke, wie ich plötzlich verletzlich werde. Wie Emotionen aller Art und in einer noch nie da gewesenen Intensität aufkommen. Wie mir die Gesundheit und das Schicksal einen Strich durch die Rechnung machen könnten. Diese Verwundbarkeit erschreckt mich. Klar, ich weiss, ich bin stark. Aber du, mein kleines Kind? So viel sollst du noch vorgelebt bekommen, so viel Liebe brauchst du – so viel Orientierung suchst du noch!

Wahrscheinlich bist du viel stärker, als ich mir träumen kann. Es sind die beschützenden Muttergefühle! Für dich möchte ich hier sein, weil ich glaube, es geht kaum ohne. Wie verloren wärst du ohne mich? Wer könnte mich ersetzen?

Ich fasse es nicht, aber plötzlich will ich so alt werden wie eine Schildkröte. Dich auf deinem Lebensweg so weit wie möglich begleiten, und wann immer du willst, dir mit Ratschlägen zur Seite stehen. Oder einfach sehen, wie du gedeihst, lachst, liebst, lebst.

Aber jetzt geniesse ich erst einmal die Momente, in denen für dich alles «Mama» ist, in denen ich mir vorstelle, wie ich dir alles und noch mehr bedeute. Du wirst früh genug flügge werden, und ich werde mich zurücksehnen nach deinem allerersten Geburtstag, als «Mama» alles war, was du sagtest.

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