Annina Campell - «Brief an die Grippe-Viren» «Für mich ist klar: Ich bin resistent!»

Die Bündnerin Annina Campell ist Mutter einer Tochter, moderiert «SRF bi de Lüt live» und ab März die rätoromanische Tagesschau. Ihre Kolumne widmet sie diese Woche der Grippe. Die Viren haben kürzlich ihre kleine Familie schachmatt gesetzt.

Liebe Grippe-Viren! Es ist über 15 Jahre her, dass ich mich das letzte Mal euretwegen übergeben musste. Nach jener Magendarmgrippe war für mich klar: Ich bin resistent. Die Aufrufe zur jährlichen Grippeimpfung gingen mich nie was an. Grippe war eine Kindheitserinnerung, mehr nicht.

Kinder bekommen so was. Aber mein Kind bestimmt nicht! Von einer klitzekleinen Erkältung abgesehen, erfüllte Anna Nina Catarina - die wir heute kurz und bündig AnNiCa nennen - in ihrem ersten Lebensjahr meine Erwartungen vollauf. Bei Impfungen bekam sie keine erhöhte Temperatur. Und auch beim Zahnen liess sie sich nie was anmerken. Kein Wunder, meinte ich schon, sie sei ein Wunderkind - immun gegen eure Attacken, liebe Grippe-Viren!

Als die Kleine eines Morgens völlig unerwartet wie ein Wasserfall eine ganze Ladung von «Wir wollen es gar nicht so genau definieren» von sich gibt, bleibe ich total cool und beruhige meinen Mann: «Nein, nein, der gehts tipptopp! Schau sie dir an, kranke Kinder lachen doch nicht so!»

In einer Nacht habt ihr es geschafft, gleich die ganze Familie umzuhauen

Tags darauf ist AnNiCa ein bisschen müde und nicht so aktiv wie sonst. Ich denke: «Aha, da kommt jetzt wohl ein richtig grosser Zahn.» Geschnitten. Da kommt nämlich genau die erste richtig deftige Grippe! Liebe Viren, ihr habts geschafft, in einer Nacht gleich die ganze Familie Müller-Campell umzuhauen.

Da stehe ich also hilflos vor dem Klo, und es scheint, als hätte ich meinen Magen fristlos entlassen. Einmal, zweimal, dreimal und noch ein viertes Mal treibt ihr Viren mich ins stille Örtchen. Und wen treffe ich auf dem Weg zurück ins Bett? Meinen Herrn Gemahl! Es pressiert, er muss auch aufs Klo...

Und wer wie ich glaubte, unser kleines Wunderkind schlafe derweil tief und fest, irrt sich gewaltig: Das kleine Fräulein hat nämlich mittlerweile schon zwei Betten vollge..., dabei aber stets so ein süsses «O mein Gott, was war das denn jetzt»-Gesicht gemacht.

Diese Betten dann jeweils wieder frisch zu beziehen - eine Tortur!

Euer aggressives Verhalten, ihr nicht mehr ganz so lieben Grippe-Viren, grenzt an Menschenrechtsverletzung! Ich verachte euch Viren, auch wenn ich euch leider nicht mehr ignorieren kann. Denn mein Kind droht auszutrocknen! Das zumindest meint eine Ärztin am Telefon, als ich ihr sage, mein Kind sei träge, müde, trinke wenig und verweigere die Nahrung. Sie schickt mich mit AnNiCa per Ferndiagnose als Notfall ins Kinderspital!

Dort tönt alles wieder ganz anders. Keine Spur von gefährlicher «Dehydration». Fehlalarm! Mit ein paar Zäpfchen gehts wieder nach Hause. Und das, liebe Viren, feiere ich nun ganz einfach als Sieg über euren fiesen Angriff auf unsere kleine Familie.

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