Annina Campell - «Brief an den Teleprompter» «Moderieren ist ein Kinderspiel»

Die Bündnerin Annina Campell ist Mutter einer Tochter, moderiert «SRF bi de Lüt live» und seit März die rätoromanische «Tagesschau». In ihrer Kolumne wendet sie sich diese Woche an den Teleprompter - ihren treuen Begleiter vor der Kamera.

Mein neuer Job: Da stehe ich nun im «Tagesschau»-Studio der Rätoromanen, ganz auf mich allein gestellt, ohne Interviewpartner und ohne Publikum vor Ort. Es ist immer noch Fernsehen, aber völlig anders als bei «SRF bi de Lüt - Live». Kann das spannend sein? Vorbei die Zeit der improvisierten Gespräche. Vorbei die Zeit, als ich mir überlegen musste, wie ich aus einem angefangenen Satz wieder herauskomme und die richtige Pointe finde, damit das Publikum klatscht.

Jetzt wird abgelesen. Nüchtern und sachlich. Und du, lieber Teleprompter, bist meine einzige Hilfe. Du stehst direkt vor mir, du bist montiert vor der Linse der Kamera, die mich beim Moderieren filmt. Auf deinem Bildschirm lese ich den Text, den ich nachsprechen muss. Wort für Wort flimmert vor meinen Augen vorbei - dank dir, lieber Teleprompter, ist Moderieren ein Kinderspiel! Schliesslich kann ich ja lesen - seit 22 Jahren!

Denkste! Lesen allein genügt nie und nimmer - ich muss die Wörter richtig betonen, den Körper bewusst einsetzen, die Mimik im Gesicht spielen lassen. Was machen die Hände? Wo setze ich Pausen? Welche Sätze sind wirklich wichtig, damit meine Zuschauer verstehen, was ich sage.

Ich bin nicht deine Sklavin, die dir jedes Wort von den Lippen ablesen muss



Lieber Teleprompter, wir sind sehr rasch ein richtig gutes Team geworden. Bei den ersten Proben hatte ich noch das Gefühl, du seist mein Chef und ich deine Sklavin, die dir jedes Wort von den Lippen abliest. Aber es ist umgekehrt: Ich habe die Zügel in der Hand, ich sage dir, in welchem Tempo du die Worte vorbeigleiten lässt. Vor gut zwei Wochen wars so weit - die Premiere! «Telesguard», 17.40 Uhr auf SRF 1 - live! Ich war nervös wie vor meinem allerersten TV-Auftritt! Doch alles lief wie am Schnürchen. Die ersten drei Sendungen waren tipptopp.

Aber dann - das Drama! Mitten in den romanischen Nachrichten. Ich sehe dich, mein lieber Teleprompter, klar vor mir als Fels in der Brandung. Und doch erkenne ich deine Zeilen nicht mehr. Alles ist verschwommen. Unmöglich, auch nur noch einen Buchstaben lesen zu können! Verdammt, meine Linsen sind verrutscht und bleiben am falschen Ort kleben, da meine Augen ganz trocken sind. Es folgt Panik, ein Versprecher, ich zwinkere, blinzle und versuche, zu erraten, was ich sagen soll. Irgendwie komme ich zum Ende der Moderation - und springe raus aus dem Studio in Chur. Und telefoniere sofort meinem Optiker: Ich will neue Kontaktlinsen, am besten rutschfreie!

Als ich dann mit verweintem Gesicht endlich nach Hause komme, strahlt mich meine kleine Tochter AnNiCa wie immer an. Und mein Mann applaudiert: «So gut warst du noch nie!» Einzig meine Mutter meint am Telefon: «Warum hast du so viel geblinzelt? Brauchst du neue Linsen?»

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