Notabene Chris von Rohr Welcome to America

Chris von Rohr, 63, Musiker, Produzent und Autor war in Amerika. Und durfte feststellen, wie unterschiedlich die Amis und die Schweizer sind.

Wussten Sies? Die Schweiz hat 170 McDonald’s- und 59 Starbucks-Filialen. Dem stehen 1110 Museen gegenüber! Nicht schlecht, oder? Ich sass gerade im Flugzeug nach Amerika, als ich das las. Und wie verhält sich das wohl in den verunreinigten Staaten? Mehr dazu am Ende dieses Reiseberichts.

Ich musste mich erst wieder an die unendliche Grösse dieses Landes gewöhnen - phasenweise kommt man nicht zum Staunen heraus. Im Guten wie im Absurden. So hängen in fast jedem dieser oft gleichförmigen, langweiligen Restaurants mindestens zehn Fernseher, oft einer pro Tisch, und das nicht nur in Las Vegas. Lichter brennen rund um die Uhr, und die viel zu kühl eingestellten Airconditions sind allgegenwärtig. Das Wort Energiewende können die Amis nicht einmal buchstabieren. Wie in allen grossen Ländern leben in den USA extrem viele übergewichtige Menschen, und es existieren kaum Trottoirs. Viele verbringen mehr Zeit im Auto als sonstwo. Und es gibt zahlreiche gescheiterte, mittellose Menschen in Amerika. Da ich in Los Angeles viel zu Fuss unterwegs war, bin ich ihnen oft begegnet, und ich konnte nicht immer vorbeilaufen. Ich hörte mir ihre Schicksale an, gab etwas von meinem Überfluss ab und staunte, wie wenig sie sich beklagten.

Trotz viel Grenzwertigem fühlt man sich hier willkommen. Dann der Klang! Das geniale Radio wird hier von Freaks für Freaks gemacht - mit grosser Leidenschaft. Es läuft keine gleichgeschaltete, schöngebürstete Büromusik. Doch jedes Land hat das Radio, das zu ihm passt. Sofort stellt sich ein komplett anderes Gefühl ein. Ich fragte mich, warum dieselben Songs in Amerika anders tönen als bei uns. Ein Musikerfreund sagte es treffend: Es sei wie beim Pastis. Der schmeckt in Frankreich toll, und wenn man ihn in der Schweiz trinkt, ist es nur ein Anisgetränk. Ja, der Rock ’n’ Roll gehört wirklich zu Amerika.

Ich höre ja in der Schweiz häufig den Vorwurf, die Amis seien oberflächlich. So? Das Gegenteil von oberflächlich ist tief. Aber die Tiefe fehlt mir hier nicht minder. Unter wirklicher Tiefe verstehe ich nicht angelesenes, intellektuelles Mainstream-Wissen, das als kollektive Lebensweisheiten wiedergekäut wird. Dies macht für mich das Wesen eines Menschen eher langweilig und stimuliert mich nicht. Manche Europäer, die geschichtsbewandert und belesen sind und die halbe Wikipedia auswendig vortragen können, sind zwar beeindruckend in ihrem enzyklopädischen Speichervermögen. Menschlich finde ich sie oft totale Krücken und unfreundliche Ekel; arrogant und unfähig, etwas zum Wohlbefinden und zur seelischen Bereicherung des Mitmenschen beizutragen. Mit anderen Worten: Ich bekomme mein Essen lieber von jemandem serviert, der es mir in liebevoller Weise auf der verkehrten Seite serviert als von einem totgeschulten Business-Dummy.

Wir fitten Schweizer haben nebst unserem Fleiss unzählige Tugenden, ich weiss! Trotzdem können wir ein paar Dinge dazulernen - auch von den Amerikanern: sich nicht unter Wert zu verkaufen, zum Beispiel. Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft. Misserfolge als Chance zu sehen, an etwas dranzubleiben, nach vorne zu schauen - auch wenn man am Boden ist. Und nicht ständig mit grossem Gejammer den Staat als Mutterbrust und für alles verantwortlich zu sehen. «Frag nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern, was du für dein Land tun kannst» ist ein Zitat von John F. Kennedy. Okay, man kann diese Aussage sehr verschieden interpretieren. Ich würde viel lieber etwas für den real existierenden Mitmenschen tun wollen als für das abstrakte Gebilde Staat.

Es gibt Momente, da lässt es dich grösser als dich selbst und das Leben fühlen

Amerika ist immer noch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, aber es wird komplizierter. Ich empfehle jedem Menschen, dem es in der Schweiz zu eng wird und der etwas Inspiration in seinem Leben braucht, sich selbst ein Bild zu machen. Bereist dieses Land! Einer, der mit einem Misserfolg oder Flop alles verloren hat und hierzulande wie ein Aussätziger behandelt wird, kann in Amerika mit grossem Einsatz und viel Herz einen sensationellen Neustart hinlegen. Und die Amis wissen, wie man sich selbst und dieses kurze Leben feiert, auch wenn harte Zeiten ins Haus stehen. Und was mir persönlich an Amerika immer gefallen hat: Es gibt Momente, da lässt es dich grösser als dich selbst und das Leben fühlen. Eine willkommene Abwechslung im oft schwierigen Alltag.

Das Erste, was mir nach meiner Rückkehr hier auffällt: Alles wunderschön, geordnet, geputzt, wir haben eine fantastische Natur und gute Luft. Aber warum nur blicken so viele Menschen zu Boden; frustriert, matt und griesgrämig? Eine grosse Frage. Mani Matter sang: Warum syt dir so truurig? Nei, dir wüsset ke Grund … Welcome to Switzerland.

Ach ja, bevor ichs vergesse - USA: McDonald’s 15 000, Starbucks 11 500, Museen 36 000! Also, so schlecht steht es nicht um den Wilden Westen.

Im Dossier: Alle Beiträge der «Notabene»-Autoren Chris von Rohr, Pedro Lenz und Helmut Hubacher

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