Notabene Chris von Rohr «Spital ohne Herz»

Musiker, Produzent und Autor Chris von Rohr, 65, schreibt in seiner neuesten Kolumne über die Schwächen unseres Gesundheitssystems.

Wir haben eines der besten, aber bald leider auch unbezahlbarsten Gesundheitssysteme der Welt. In unseren Krankenhäusern fühlte ich mich meist bestens aufgehoben. Ein Bekannter von mir behauptet das Gegenteil: Es herrsche eine ungeheuerliche Arroganz und Kälte, bis hin zur Abweisung, wenn er wieder mal mit seiner Mutter dort auftauche. Man verweigere eine menschenwürdige Behandlung, geschweige denn eine Pflege, und verspotte ihn gar. Man habe seine Mutter mehrere Male fast dazu genötigt, endlich zu sterben. Auf die Sterbebahn gehen nennen sie es: Flüssigkeit und Nahrung herunterfahren, Morphium rauf, dann erledigt sich das automatisch in ein paar Tagen.

Vor allem die deutschen Ärzte seien gefühlskalt, grob, achtlos … Dort wehe einem die Bise eiskalt ins Gesicht. Ich wollte es nicht glauben, kenne aber den Mann als ruhigen, bescheidenen und besonnenen Menschen. Seine Schilderungen und die Namen der Protagonisten waren präzise. Seine Mutter ist betagt, aber noch bei all ihren Sinnen. Natürlich nagte der Zahn der Zeit an ihr. Die Gebrechen trudelten ein, aber sie machte auf mich keinesfalls den Eindruck, dass sie bereits sterben möchte.

Das Thema liess mich nicht in Ruhe, und ich recherchierte in meinem Umfeld. Was ich hörte, war ein Notruf. Das Problem vieler Spitäler heutzutage sei, dass sie ihren Kernauftrag nicht erfüllen. Das Wort Spital ist vom lateinischen hospitalis – «gastfreundlich» – abgeleitet. Das scheint vielerorts abhandengekommen zu sein. Das Gesundheitswesen wurde zu einem explodierenden Monstergeschäft, das nicht mehr den Patienten, sondern die Gewinnmaximierung in den Mittelpunkt stellt. Die Bürokratie wurde aufgebläht, und dann kam der Fluch der Fallpauschalen.

Da in den Akutspitälern nicht mehr pro Tag, sondern pro Fall abgerechnet wird, entsteht der wirtschaftliche Anreiz, möglichst viele Patienten zu behandeln. Parallel dazu nehmen die Unterversorgungen zu. Je effizienter die Spitäler ihre Patienten versorgen, desto besser ist deren Bilanz. Der Patient ist heute ein Portfolio, das es zu optimieren gilt. Die Anzahl der behandelten Fälle ist für den Erfolg eines Spitals relevant. Dadurch besteht ein ausgeprägtes Risiko, dass Patienten behandelt werden, die es nicht benötigen, oder gar operiert werden, wenn es bereits zu spät sei, höre ich aus der Pflege. Dem Patienten werde Hoffnung gemacht, damit er sich nochmals einer OP unterzieht. Durch die Privatisierung der Spitäler wird Konkurrenzfähigkeit grossgeschrieben, man besorgt sich die teuersten Ärzte mit dem besten Renommee. Hochmoderne OPs werden angelegt oder teure Computertomografen und Magnetresonanz-Apparate, die amortisiert werden müssen. Dazu ist eine gewisse Fallzahl nötig.

Da die Kosten für die Pflege den grössten Teil der Fixkosten ausmachen, müssen die Löhne möglichst tief gehalten werden. So ist gutes Pflegepersonal oft schwierig zu finden. Aufgrund der Knappheit an bewährten Arbeitskräften wird gern zu Dumpinglöhnen günstiges, nur teilweise ausgebildetes Personal angestellt oder zusätzlich mit temporären Pflegekräften gearbeitet, die kaum Bezug zum Patienten haben, manchmal nur bedingt Deutsch reden. Der Patient sieht sie kommen und gehen, kann sich oft kaum mit ihnen verständigen. Das generiert Stress für alle. Qualitätsumfragen zeigen, dass wir im Verhältnis zu anderen Ländern nicht schlecht dastehen. Aber es kann nicht sein, dass die Kränksten im Spital nicht mehr erwünscht sind, weil das Bett mit neuen «Fällen» gefüllt werden muss oder weil sie im Verhältnis zum Durchschnitt wesentlich mehr Aufwand generieren, weil sie stark pflegebedürftig sind oder teure Medikamente benötigen.

Ich will hier sicher nicht die ausführenden Berufsleute angreifen, denn da gibt es viele, die hervorragende, wertvolle Arbeit leisten. Der Hund liegt im System und in der Kultur, die sie geschaffen hat, begraben. Und ich frage mich, wie wir unter diesen Umständen die Gastfreundschaft und die Nachhaltigkeit fördern können – und gerade das, was wir uns gross auf die Fahne geschrieben haben im Schweizer Gesundheitswesen: Qualität im Sinne der Menschlichkeit bewahren!

Dazu gehen mir die Worte von Antoine de Saint-Exupéry durch den Kopf: Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. Dieser Satz sollte über jeder Spitaltür und der unseres Gesundheitsministers hängen.

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