Notabene Chris von Rohr Die Freiheitskämpfer

Musiker, Produzent und Autor Chris von Rohr, 64, schreibt in seiner neuesten Kolumne über den Brexit und erklärt, warum die Briten seiner Meinung nach richtig entschieden haben.

Ich bin ein rockender Hippie, und bei denen steht bekanntlich Freiheit über allem. Warum ich nie an diese «europäische Idee» glaubte, ist einfach: Eine echte Verschmelzung von Ländern kann nicht von oben mit undemokratisch verfassten Gesetzen diktiert werden. Da braucht es einiges mehr. Eine gewisse Lebenserfahrung hat mir auch gezeigt: Politik verändert selten etwas zum Guten. Das müssen wir Menschen schon selbst in die Hand nehmen.

Und das taten jetzt auch dreissig Millionen freie Engländer, vor allem Globalisierungs-Verlierer. Grossbritannien ist das einzige EU-Land, das bisher überhaupt je darüber abstimmen durfte. Eine Mehrheit der Bürger befand, dass diese EU-Vision längst nichts mehr mit ihrem Alltag zu tun hatte. Den meisten sind Börsenkurse, Trade-Deals, flimmernde Tabellen und Untergangsprognosen völlig egal. Sie müssen jeden Tag rangehen und sehen, wie sie ihre Familien durchbringen. Sie konnten nie den Rahm der EU-Melange abschöpfen und hatten schlicht genug von diesem schleichenden Entdemokratisierungs-Prozess, wo ihre Stimme nichts mehr zählt. Es war ein mutiger Entscheid mit einer Vorgeschichte.

Man wollte möglichst vielen Ländern zu einem grossen, friedlichen Verbund und zu mehr Wohlstand verhelfen. Den grossen Blöcken wie Russland, China und Amerika gemeinsam etwas entgegensetzen. Aber alles ging viel zu schnell und war undurchdacht. Es entstanden würdelose Abhängigkeiten, die wirkliche Integration verhinderten. Das Soziale und Kulturelle wurde übergangen, und dem arbeitenden Bürger ging es vielerorts plötzlich schlechter als zuvor. Grenzenlose Unkontrolliertheit bedeutet Chaos. Eine machtbesessene, uneinsichtige Führungsriege hat Unfrieden, Frust und vielerorts Arbeitslosigkeit gebracht. Dieser arrogante Machtzirkel verordnete im Laufe der Jahre eine unsägliche Flut von weltfremden Verträgen und Regelungen, dass einem schwindlig wurde.

Es werden Schulden angehäuft und Euros gedruckt, als gäbe es kein Morgen

Da war die Glühbirnenverbannung zugunsten einer Quecksilber-Energiesparlampe, die vor allem Ärger brachte. Durchgedrückt von einer mächtigen Wirtschaftslobby und uferlosen Bürokratur, die in erster Linie für sich selbst sorgt. Mittlerweile wird im Namen des Binnenmarktes und der Gleichschaltung fast alles und jedes vorgeschrieben. Von Geschäftsöffnungszeiten über Kaffeemaschinen und Staubsauger bis zu Steuertarifen. Eine kranke Entwicklung, die mit Vereinfachung oder Weltoffenheit nichts zu tun hat. Es ist für mich immer wieder verblüffend, was diese windigen «Es gibt keine Alternative»-Politiker uns alles verschweigen und damit auch durchkommen.

So findet der frühere Goldman-Sachs-Banker Mario Draghi, die Banken sollten die Realwirtschaft finanzieren, es werden Schulden angehäuft und Euros gedruckt, als gäbe es kein Morgen. Die «Rettung» Griechenlands wider besseres Wissen ist ein Skandal, der Euro eine Fehlkonstruktion: für die Südländer zu hart, für die Nordländer zu weich. Merkels Alleinverhandlung mit Erdogan war ein weiterer Schlag ins Gesicht vieler kleinen Mitgliedsländer, die, wie so oft, nix zu melden haben. Schengen liegt seit zwei Jahren am Boden und funktioniert nicht. Das Fass zum Überlaufen brachte im Sommer 2015 der von Merkel angeheizte Flüchtlingsstrom, wo wahre Schutzsuchende sich mit unzähligen Wirtschaftsmigranten vermischten. Zurzeit warten allein in Deutschland 500'000 Menschen, denen man falsche Versprechen machte, auf einen klaren Bescheid, wie ihr Leben weitergehen soll. Sozialarbeiter und Zuständige vor Ort sind am Verzweifeln. Einen klaren, nachhaltigen Plan gibt es nicht...

Das Grundproblem einer realitätsverweigernden Politelite - und der meisten Medien - besteht seit Jahren darin, dass sie EU- und Islamisten-Kritiker, egal welcher Gesinnung, reflexartig als Schlechtmenschen, Nestbeschmutzer, Rassisten, Abschotter oder Rechtspopulisten diffamieren - sogar, wenn sie gleiche Standpunkte vertreten wie die Zweifler in den eigenen Reihen, wo sowieso keinerlei Einheit herrscht. So was kann nur im K.o. enden. Mittlerweile spricht sogar der Papst von «einem Wind der Trennung in dieser schwerfälligen Union», und der kluge Dalai Lama sagt: «Deutschland kann kein arabisches Land werden.»

Ein geeintes Europa wird nur mit einem System funktionieren, wo seine Bewohner ihre Führung frei wählen und kontrollieren können. Die Zeit mag noch nicht reif sein, gewisse schmerzhafte Erfahrungen müssen noch gemacht werden, aber sie wird kommen, so hoffe ich. Umsonst wird es diese Freiheit jedoch nicht geben - auch hier nicht.

Zur Vertiefung des Themas empfehle ich folgendes Buch: «Warum Europa eine Republik werden muss!» von Ulrike Guérot.

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