Notabene Chris von Rohr «Abgehoben»

Musiker, Produzent und Autor Chris von Rohr, 64, beschäftigt sich mit dem Phänomen Donald Trump - und schlägt die Brücke von Amerika nach Europa.

New York ist aussergewöhnlich. Dieses Feuerwerk, diesen Drive, diesen Menschenmix sind wir Bergler uns schlicht nicht gewohnt. Der Big Apple, wie die Stadt sich auch gerne nennt, schläft wirklich nie. Sie hat ihren eigenen Rhythmus – immer nach vorne, unvergleichbar. Wer da langfristig überleben will, muss sich etwas einfallen lassen. «If you can make it there, you can make it anywhere», sang Frankie Boy treffend. Wenn du es da schaffst, schaffst du es überall. Zurückhaltung und Mittelmass passen nicht nach New York. Dies ist die Stadt der Übertreibungen und Gegensätze. Bescheidenheit und Ruhe gedeihen woanders besser.

Natürlich zieht dieses Klima auch jede Menge Haifische an. Schon nur der Fakt, dass die Börse da ist. The Wolf of Wallstreet lässt grüssen. Und das führt mich zum momentanen Reizthema Donald Trump. Man muss nicht über grosse Menschenkenntnisse verfügen, um zu checken, dass dieser Mann mit allen Abwassern gewaschen ist. Protz und Provokation sind seine Droge. Es reicht aber nicht, sich zu empören und ihn zur Hölle zu wünschen! Viel interessanter ist die Frage, wieso dieser Mann überhaupt stattfindet. Dazu muss man die Vereinigten Staaten kennen und dort auf die Strassen gehen. Es sind nämlich nicht nur seine Provokationen und Tabubrüche, die ihm Stimmen bringen, sondern vor allem der Zustand Amerikas.

Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten läuft seit Jahren einiges schief. Bewegt man sich aus den Städten heraus, erlebt man oft eine Art Dritt-Welt-Umgebung. Wir würden es hier Getto nennen. Wenig funktioniert, vieles liegt im Argen. Ein Grossteil der Wähler hat das Vertrauen in die politische Führung komplett verloren. Vor allem die einfachen Arbeiter fühlen sich betrogen – sie konnten vom bald 50-jährigen wirtschaftlichen Aufbruch nicht profitieren. Im Gegenteil: Viele wurden durch Globalisierung und Freihandel arbeitslos. In diesem Land gibt es viele enttäuschte, zornige Menschen, die sehen, wie die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Für eine schweigende Mehrheit lief der amerikanische Traum aus dem Ruder. Bei Themen wie Gesundheitsreform, Terror und Immigration herrscht ein grosses Unbehagen. Der frühere Sozialarbeiter Obama erreichte wenig bis nichts, da er weder mit der Administration noch mit dem Parlament umgehen konnte.

In Amerika herrscht eine gewisse Angst, das Land könnte untergehen und bedeutungslos werden. Und genau da kommt Trump ins Spiel, indem er den frustrierten Menschen ein wieder erstarktes, grosses Amerika verspricht. Der Mann aus New York ist wie Schwarzenegger kein Politiker, und das scheint heute fast ein Vorteil zu sein. Als unabhängiger, erfolgreicher Unternehmer erzählt er den Leuten einfach genau das, was sie hören wollen. «New York Times»-Kolumnist T. L. Friedman schrieb: «Trump hat eine grosse emotionale Intelligenz. Seine direkte, unverfälschte Art zu reden, kommt an.» Viele US-Wähler haben einfach alles satt, was aus Washington kommt. Dies könnte den Zusammenbruch einer ganzen Branche bedeuten – die der Berufspolitiker, die den Draht zum Fussvolk längst verloren haben.

Eine Problematik, die sich übrigens auch in Europa immer mehr zeigt. Zahlreiche Probleme und Themen in der Bevölkerung werden zu wenig ernst genommen, klein gehalten oder zugedeckt. Die Medien berichten oft einseitig oder parteiisch. So bildet sich da draussen langsam ein Gegenblock zur abgehobenen, überbezahlten Elite. Diese Entwicklung wird grob unterschätzt, und viele werden sich noch die Augen reiben. Dazu kommt: Amerika sowie Deutschland sind Länder der Extreme.

Das innovative, wendige Amerika wird sich wohl wie immer mit allen Tricks aus den Schwierigkeiten rauswinden und den Stier bei den Hörnern packen – mit oder ohne Donald und Hillary. Die Vereinigten Staaten sind, wenns darauf ankommt, stark, sprechen eine Sprache.

Für ein uneiniges Europa, das kein Staat ist, sehe ich bedeutend grössere Probleme: eine Zentralbank mit einer absolut hirnrissigen Schulden- und Geldpolitik, eine schwer integrier- und reformierbare Religion, zu unterschiedliche Interessen und Historien, eine miserable Flüchtlings- und Sicherheitspolitik. Nein, niemand würde sich heute wundern, wenn die Europäische Union wie früher das Osmanische Reich oder die österreich-ungarische Monarchie scheitert. Auf Grössenwahn und Selbstüberschätzung folgen meist Ernüchterung und Depression. Das gilt für Europa wie für Amerika. Wir sollten es eigentlich wissen.

Im Dossier: Weitere «Notabene»-Kolumnen

Auch interessant