Notabene von Chris von Rohr «Stromlügen»

Musiker, Produzent und Autor Chris von Rohr, 65, schreibt in seiner neuesten Kolumne über Umweltverschmutzung und die Energiewende - und warum Letzeres nicht die Lösung für Ersteres ist. 

Beim Bezahlen an der Kasse im Supermarkt schlägt die Kassiererin der alten Dame vor, beim nächsten Einkauf ihre Einkaufstasche mitzubringen, denn Plastiktüten seien schlecht für die Umwelt. «Da haben Sie recht», entschuldigt sich die alte Dame, «doch leider war ich in Eile und habe sie entgegen meiner Gewohnheit zu Hause vergessen.» Die junge Frau erwidert: «Ja wissen Sie, unser Problem ist nämlich, dass Ihre Generation sich keine Gedanken darüber gemacht hat, in welch schlechtem Zustand sie die Umwelt uns und den künftigen Generationen hinterlässt und Umweltschutz sicherlich ein Fremdwort für Sie ist.» 

«Das stimmt», meinte die alte Frau: «Unsere Generation kannte keinen Umweltschutz - war auch nicht nötig, die Sprudel- und Bierflaschen gaben wir dem Laden zurück, in dem wir sie gekauft hatten. Von dort gingen sie an den Hersteller, der sie wusch, sterilisierte und auffüllte, sodass jede Flasche unzählige Male benutzt werden konnte. Die Milch holten wir beim Milchhändler in unserer eigenen Milchkanne.Für unsere Gemüseeinkäufe benutzten wir Einkaufsnetze, für den Resteinkauf unsere Einkaufstaschen. Vergassen wir sie, so packte uns der Händler alles in braune Papiertüten, womit wir zu Hause zum Beispiel die Schulbücher einpackten, die uns von der Schule kostenlos zu Verfügung gestellt wurden. Nach Beendigung des Schuljahres wurden sie wieder eingesammelt und in gutem Zustand dem nachfolgenden Jahrgang weitergereicht. Wir stiegen Treppen hoch, denn Aufzüge oder Rolltreppen gab es nicht. Wir gingen zu Fuss die paar Schritte zum nächsten Lebensmittelgeschäft. Damals wuschen wir Babywindeln, weil es keine Einwegwindeln gab. Wir trockneten die Wäsche nicht in einem stromfressenden Trockner, sondern mit Wind oder Sonne an der Wäscheleine. Die Kleidung der Kinder ging stets an die jüngeren Geschwister, denn neue Kinderkleidung konnten wir uns nicht leisten.Also bedenken Sie: Es ist wirklich traurig, wenn die junge Generation sich darüber beklagt, wie verschwenderisch wir Alten gelebt haben, nur weil wir keinen Umweltschutz kannten. Diese Belehrung brauchen wir nicht. Und dann noch von einem Mädchen, das mir nicht mal das passende Wechselgeld geben kann, ohne die elektronische Kasse zu befragen.»

Ja, liebe Leser/innen, andere Zeiten, andere Unsitten. Auch ich erlebte noch Tage, wo mir meine Grossmutter die Ohren lang zog, wenn ich vergass, das Licht beim Verlassen meines Zimmers auszuschalten, oder mal zu lange das Badewannenwasser laufen liess. Also geschadet hat mir das nicht. Im Gegenteil, es hat meinen Geist für diese Debatte geschärft.

Beim Thema Umweltschutz und Energiewende herrscht ganz genauer Hinschaubedarf. Ob jetzt die Welt bis 2050 wirklich durch Menschenverschulden 1,5 Grad wärmer wird, darüber sind sich unterschiedlichste Forscher seit ewig in den Haaren. Das stärkere Argument für mich ist, dass pro Jahr drei (!) Millionen Menschen an den Folgen selbst verursachter Luftverschmutzung sterben. Hallo! Es macht mich wütend, wenn ich sehe, wie Menschen überall auf diesem Planeten ihren Plastikmüll abwerfen oder mit den schlimmsten Abgasschleudern rumfahren. Je ärmer und ungebildeter die Gegend, umso weniger Naturschutz.

Bald wird bei uns zu dem Thema abgestimmt, und die «alternativen Fakten» bei den zahlreichen staatsnahen Medien haben wieder Hochkonjunktur. Wenn wir sehen, wie Deutschland, dem unsere Bundespräsidentin gerne nacheifert, die Energiewende umsetzt, stockt einem der Atem. Dass man da zwar die Kernkraftenergie abstellt, dafür aber Kohle- und Gaskraftwerke im grossen Stil aufrüstet, ist des Wahnsinns fette Beute. Auch wir werden diesen Dreckstrom aus Deutschland importieren. Das einst fortschrittlichste Stromland Europas wird in die Abhängigkeit getrieben, da Versorgungssicherheit nicht gewährt werden kann. Fazit: Ausstieg Kernenergie - Einstieg fossile Stromproduktion -, dazu Zerstörung einheimischer Wasserkraftwerke durch falsche Subventionen. Das wird nicht nur sehr teuer, sondern macht so schlicht keinen Sinn.

Ich glaube, diese gut gemeinte und wichtige Energiewende ist noch zu wenig durchdacht. Zu viel Gebastel und Gefummel. Es geht den Politikern, den Subventionsjägern und den Strombaronen zu fest um Profilierungssucht und eigene Interessen statt um wirkliche Nachhaltigkeit für kommende Generationen. 

Im Dossier: Weitere Notabene-Kolumnen

Anmerkung des Autors:

Liebe Leser/innen,

In dieser Kolumne habe ich ein Gespräch zwischen einer alten Frau und einer Kassiererin zitiert. Ich vergass dabei in der Hitze des Gefechtes zu erwähnen, woher es kam: nämlich von einem Youtube-Filmchen, Autor unbekannt, Teilen erwünscht.

Ich deklariere normalerweise alle fremden Zitate, doch hier fand ich es nicht nötig. Das war ein Fehler - mea culpa.

Nobody's perfect. Mit lieben Frühlingsgrüssen,
Chris von Rohr

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