Notabene von Chris von Rohr Fahrstuhl nach oben

Musiker, Produzent und Autor Chris von Rohr, 66, schreibt in seiner neuesten Kolumne über den Drang der Arbeitnehmer, die Karriereleiter zu erklimmen. 

Es gibt eine weitere gottlose Religion – die Weiterbildung. Ihre Anhänger erkennt man daran, dass sie im arbeitsreifen Alter hauptberuflich neue Herausforderungen suchen und annehmen. Erkundigt man sich alle paar Monate nach dem beruflichen Wohl, ist der Stand der Dinge stets ein neuer. Manche nennen sich Arbeitsnomaden. Sind sie irgendwo angekommen werden sie unruhig.

Immer auf gepackten Koffern, betreten sie den nächsten Fahrstuhl nach oben

Es ist unglaublich, wie talentiert manche Menschen sind. Kaum wissen sie im neuen Betrieb auswendig, in welchem Raum sich der Kopierapparat befindet, fühlen sie sich unterfordert und studieren Weiterbildungsangebote. Dann gehen sie so viel dazulernen, dass sie sich um einen besser bezahlten Job mit einem englischeren Namen bewerben können. Immer auf gepackten Koffern, betreten sie den nächsten Fahrstuhl nach oben.

Der Nachteil dieser Jobhüpferei und des Aufstiegsvirus ist, dass man nach dem Durcharbeiten der Arbeitsorte – und Stellen – kaum wirkliche Detailkenntnisse der Entwicklungen und Abläufe hat. Die Zeiten, in denen ein Tellerwäscher zum Kellner, dann zum Rezeptionisten und schliesslich sogar zum Hotelbesitzer wurde, scheinen vorbei.

Heute läuft vieles unvertieft im Ruckzuck-Verfahren. Unruhige, überforderte Aktivisten, die glauben, die Materie zu kennen, fummeln und basteln herum und schwimmen zu weit hinaus. Im schlimmsten Fall soll dann der Staat den Rettungsring werfen.

Ich mag Leute, die einfach da sind. Ali, mein Lieblingsdoktor zum Beispiel. Er ist von jeher da und wird es hoffentlich auch bleiben. An ihn kann ich mich halten. Käme der plötzlich auf so komische Gedanken «aufzusteigen» – es wäre eine Tragödie!

Es gibt keinen Kurs, wo man schnell einen Abschluss in Erfahrung macht

Oder die Lehrerin meiner Tochter, die glücklicherweise nicht nach einem Jahr davongelaufen ist oder Schulleiterin werden wollte, weil da die Gage viel höher ist. Nein, sie hat die Segel verlässlich hochgehalten und tapfer im Schulboot gerudert. Sie kannte mein Kind wirklich und erlebte seine Entwicklung en détail. Indem sie geblieben ist, hat sie für uns einen wertvollen Job gemacht. Denn zwischen den beiden wuchs eine Bindung und eine Vertrauensbasis, die bei keiner neuen Person aus der Schublade gezogen werden kann.

Dann wären da noch der Schreiner, Gärtner und der Banker meines Vertrauens, die bitte schön auch nicht vom Feld laufen sollen … und natürlich die gute Seele Sepp, die Allzweckwaffe, wenn in meinem Haus wieder mal was ansteht. Meine Ex fragte mich mal, warum ich ihn eigentlich nicht heirate.

Ich schätze genau diese Eigenschaften des Durchhaltens auch bei meinen Freunden. Es tut gut zu wissen, dass sie immer da sind, dass ich ihre Stimmen hören kann und ihren Support zuverlässig erhalte, wenn ich ihn suche. Und dass ich aufgrund jahrelanger Freundschaft weiss, wie sie ticken und wer aus seinem Leben welche Erfahrung mitbringt.

Erfahrung ist etwas Unersetzliches. Es gibt keinen Kurs, wo man schnell einen Abschluss in Erfahrung macht. Diese kann man sich weder durch finanzielle Spritzen noch durch den Besuch eines Abendstudiums ergattern. Es hilft weder Zwängen noch Würgen – man muss Lehrjahre mit harzigen, mühsamen Episoden aussitzen und die nervtötendsten Phasen und Rückschläge durchstehen.

Und genau diese erteilen uns die grossen Lektionen. Wer zum Beispiel ab und zu enttäuschten oder stinksauren Kunden zuhören muss, lernt eine Menge über Menschen, über sich und die wunden Punkte des Betriebs. Was für die Wäsche gilt, gilt auch für uns: Im Schonprogramm zeigt sich nicht, was ein Stoff taugt.

Ich schätze genau diese Eigenschaften des Durchhaltens

Menschen, die sich hochhangeln, bis sie nirgends mehr eine Arbeit im eigentlichen Sinne verrichten, sondern bloss ihre Untertanen orchestrieren, sind mir suspekt. Die Schwierigkeiten des Bodenpersonals dokumentieren, kontrollieren, überwachen, Papiere abnicken – was ausser dem Kontostand soll daran erfüllend sein? Lese ich die Berufsbezeichnung Schreiner, Förster, Floristin, oder Hebamme, wird mir hingegen warm ums Herz.

Aber bei Chief Controller Salary läuft es mir kalt den Rücken hinunter. Wie ich höre, stellt sich zuweilen sogar die grosteske Problematik ein, dass ein zigfach diplomierter Superman für sämtliche Posten überqualifiziert ist, obwohl es keine Arbeit gibt, die er reell verrichten kann und die er routiniert mit allen Facetten beherrscht.

Ich fürchte mich mitnichten davor, dass unsere Fachkräfte ins Ausland abwandern, obwohl vor dieser Katastrophe mantramässig gewarnt wird. Die mangelnde Geburtenregelung bei den Ameisen und Katzen jagt mir den viel grösseren Schrecken ein.

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