Notabene Chris von Rohr «Ole, ole, ole ole!»

Musiker, Produzent und Autor Chris von Rohr, 64, freut sich auf die Fussball-EM. Und hofft auf Spannung, Drama und vor allem viel Freude.

Schon als kleiner Junge stand ich auf dem Fussballplatz. Wir erlebten unglaublich spannende Spiele, und ich staunte, dass kein einziger Match jemals gleich war. Das gefiel mir. Und heute?

Vielleicht hat es mein Freund Büne Huber in seiner Kritik etwas zu hart formuliert, als er die Fussballer als Memmen bezeichnete, aber wir Rock-’n’-Roller sind keine Diplomaten, und seine Kernaussage hat viel Wahres: in letzter Zeit wurde der Fussball, vor allem hierzulande, arg in Mitleidenschaft gezogen. Angefangen bei der Fifa, über die spuckende, übertätowierte Schwalbenkultur bis hin zu allzu lahmen, aufgeplusterten, überbezahlten CHNO-Teams. Ausnahmen gibts immer.

Der FC Basel ist ein erstaunlicher Klub, ein Hoffnungsfunken im hiesigen Fussball, mit kompetentem Trainer, starker Führung, treuen Fans und Tradition. Trotzdem kommt für den Nicht-Basler nach dem siebten Titel in Folge irgendwann Langeweile auf. Der Spitzenklub am Rhein bräuchte Gegner auf Augenhöhe im Alltagsgeschäft. Doch sie sind leider weit und breit nicht in Sicht, was Basel für den europäischen Wettbewerb nicht unbedingt stärkt.

Die sogenannte Superleague ist mittlerweile eine Gähn-League. Ich kann sie seit Jahren nicht mehr anschauen. Da wird zwar seitenweise in allen Blättern und Portalen versucht, Spannung heraufzubeschwören, aber es gelingt nicht. Was natürlich auch mit dem Umfeld zu tun hat. Die Schweiz ist einfach ein Eishockey-, Ski- und Schwingerland und kein Fussball-Eldorado. Wenn in den Städten und Dörfern das wirkliche Fussball-Virus bei den Fans fehlt, können die Medien berichten, was sie wollen. Trotz enthusiastischem, starkem Nachwuchs da und dort: Künstlich kann man weder in der Musik noch im Fussball ein echtes Fieber herstellen. Interessant ist auch, dass in ärmeren Ländern der Fussball einen anderen Stellenwert hat – er ist ein wunderbarer Tröster und Verbinder.

Der frühere Starfussballer und heutige Trainer Wynton Rufer (GC/Werder Bremen/Neuseeland) sagte einen denkwürdigen Satz: Was mich am Schweizer Fussball stört, ist, dass viele Spieler nach einem verlorenen Spiel bereits unter der Dusche von ihren Autos, ihrem Girl oder dem neuen Fernseher sprechen, anstatt etwas zu leiden oder wenigstens zu reflektieren, warum man verloren hat. Das ist keine wahre Leidenschaft und schlicht zu wenig Charakter und Herz fürs Spiel. Zu früh zu viel Geld versaut die jungen Spieler und killt die Kreativität, die oft aus einer gewissen Not entsteht. Klar gilt das nicht für alle.

Ich kenne viele Profifussballer und bin in Kontakt mit Mladen Petric (Panathinaikos Athen) und Kalle Riedle, der in Deutschland, Italien und England spielte, oder mit Heinz Hermann, unserer ehemaligen Fussballikone. Es ist immer interessant, mit ihnen zu reden und zu hören, wie sie ein Spiel lesen und was sie von gewissen Entwicklungen halten. Auch fetzte ich mich gerne mit «Unserem Monsieur Gilbert «Strassburg forever» Gress zum Thema, wer denn nun der ultimative Trainer sei: Guardiola, Wenger oder Klopp. Einig sind wir uns nur darüber – auch wenn das die charmante Silberlocke nie öffentlich sagen würde –, dass es Vladimir Petkovic für die Schweizer Nati wohl eher nicht ist.

Dass der Schweizer Fussballverband ausgerechnet dem stolzen, eher unterkühlten Bosnier nach wenig begeisternden Spielen den Vertrag noch vor absolvierter EM verlängerte, ist fragwürdig. Es zeigt vor allem: Auch da sind Lichtgestalten rar. Trockene Bürokicker verpflichten emotionslosen Trainer und präsentieren uns emotionslose Matches, ausgerechnet in einem Spiel, wo es um Emotionen gehen würde. Des Wahnsinns fette Beute.

Was dürfen wir also erwarten von dieser EM? Hoffentlich mehr als ein Fest für Fussballverbände und Sponsoren. Als ich meinen Grossvater selig fragte, für welches Team er sei, sagte er immer: für die, die schön spielen. Also, Spieler der wunderbarsten Nebensache der Welt! Gebt dem dürstenden und zahlenden Fussballvolk, was es verdient! Spannung, Drama, Ballkunst und vor allem viel Freude und Blues!

Vielleicht erleben wir sogar einen Aussenseiter, der den Königen und Diven den Marsch bläst. So wie damals die Griechen unter dem göttlichen Otto «Rehakles» Rehhagel oder die wilden Dänen, die direkt vom Ferienstrand, via Wildcard, mit grossen Kämpferherzen alle überraschten und Europameister wurden. Wir wünschen es uns. Ole, ole, ole, ole!

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