Notabene Chris von Rohr Und es war Sommer

Chris von Rohr, 62, Musiker, Produzent und Autor, über seine viel zu kurzen Sommerferien, die Begegnungen mit Peter Maffay, Matthias Sempach und Gabriel Vetter für ihn bereithielten.

Meiner Tochter sagte ich: Dieser Freitag ist der beste Tag des Jahres. Es war der Freitag vor den Sommerferien. Sie wusste genau, was ich meinte. Und trotzdem: Sind Sommerferien jemals lange genug?

Dieser Jahresabschnitt begann gut. Wir spielten mit diversen Tonkünstlern am «Rock the Ring»-Festival. Irgendwie crazy. Früher hing ich bis 7 Uhr an einer Bar oder lag neben einer Blondine. Heute frühstücke ich um diese Zeit. Aber die senile Bettflucht hat auch ihr Gutes. Ich traf zufällig Peter Maffay auf der Terrasse des Hotels. Er sass alleine da und winkte mich heran. Wir sprachen zwei Stunden über Gott, die Welt, Musik und die unterschiedlichen Wege. Er aus dem Osten, ich aus dem Westen. Auf Rock ’n’ Roll stehen wir beide. Mich beeindruckt neben seinem Werdegang als Musiker, was er karitativ auf die Beine stellt. Wie viele Kinder und Jugendliche aus problematischen Verhältnissen er und sein Team mit ihren Schutzräumen auf Mallorca, in Deutschland und Rumänien glücklich machen. Das nenne ich nachhaltige humanitäre Hilfe, die auch ankommt, und erst noch ohne staatliche Unterstützung. Chapeau!

Kurz danach verabredete ich mich auf dem schönen Hinter Weissenstein zum ersten Mal mit Matthias Sempach, dem Schwingerkönig, der mal kurz für den Treff eine Trainingspause einlegte. Dass er nebst dem Naturjodel auch auf härteren Sound steht und einiges zur Musik zu sagen hat, überraschte mich. Ich gab ihm danach seine erste Schlagzeugstunde. Wir verstanden uns bestens. Das Gleiche gilt für Ständerat Thomas Minder, der mir im wunderschönen Städtchen Schaffhausen begegnete. Ein Mann, den ich für seine Courage und seine Standfestigkeit bewundere. Einer der wenigen, die sich konsequent für die Volksanliegen in Bern einsetzen - oft als einsamer Rufer in der Wüste der Berufspolitiker; Lobbyisten, Geldverzettler und Juristen.

Weniger erfreulich verlief ein Treffen für die Serie «Blind Date» von SRF. Nomen est omen - ein blindes Treffen wurde es auch. Da ich und mein mir unbekanntes Gegenüber (Gabriel Vetter) keinen gemeinsamen Gesprächsstoff fanden, verbissen wir uns in politische Allerweltsthemen, die man in so kurzer Zeit am TV gar nie zufriedenstellend bewältigen kann. Das Gespräch blieb an der Oberfläche. Wir hätten lieber über das Liebesleben der Borkenkäfer, Migros- oder Coop-Kinder und den letzten Hut der Queen parliert. So wurde es zum altbekannten Klassiker: Willst du Krach am Familientisch, beginn über Politik zu sprechen. Trotzdem, für irgendetwas wird es wohl gut gewesen sein.

Ein Leben auf Kosten der Zukunft. Wenn das nur gut kommt!

Eine Woche später reiste ich mit meinem Tochterherz nach Rom. Wow! Was für eine Stadt, auch heute noch. Wir waren von der Schweizer Garde zu einem Back-Stage-Besuch im Vatikan eingeladen. Die Jungs dort machen einen Superjob. Seit 1506 zeigen sie, was Zuverlässigkeit made in Switzerland ist. Die Führung ging auch durch die Vatikanischen Gärten, auf die sich besonders meine Tochter freute. «Sie fragte mich: Wo sind denn die Blumen, Papa?» Ich konnte die Frage auch nicht ganz schlüssig beantworten, verwies aber auf die wunderschönen Pinien, Kiefern, Steineichen, Zypressen, Zedern, Palmen und die in Europa einmaligen grünen wilden Papageien in den Bäumen. Auffallend: Die Glocken am Petersplatz läuten sanfter und harmonischer als in Solothurn - weniger Sturmgeläute.

Aber das war noch nicht alles. Ich spielte seit Langem wieder mal mit Kindern in einem Sandkasten. Welch ein Gefühl! Und ein Flashback: meine eigene Kindheit, die meiner Tochter und heute da im Sand mit den Kleinen. Schon da gehts darum, wer nimmt wem was weg. Viel Tränen, Geschrei und Wehklagen. Ich konnte zum Glück zur Zufriedenheit aller Anwesenden ausgleichend vermitteln und sah bald wieder glänzende, freudige Kinderaugen. Ein schöner Moment.

Kaum zu Hause, erfuhr ich, dass Pop-Titanin Rihanna ein Krokus-T-Shirt zum Auftakt ihrer Monster-US-Tour vor 90 000 Menschen trug. Unglaublich, und da soll einer sagen, das Leben sei keine Wundertüte!

Was in diesen Zeiten aber leider auch heftig, unausblendbar zu denken gibt, ist der Zustand dieser Welt. Technologisch grosse Fortschritte – menschlich auf dem Rückweg zum Neandertaler. Zähmung misslungen, Hoffnung gestorben. Krieg über Krieg, Elend, Verbrechen, Krankheiten, Habgier, Korruption, Menschenverachtung, drohender Völkermord und ein zunehmend ratloses Europa und Amerika. Ein Leben auf Kosten der Zukunft. Wenn das nur gut kommt! Zweifel sind angebracht.

Heute ist wieder Montag, das Kind in der Schule, und ich sitze auf dem Balkon. Ein Psychohahn kräht seine atonale Zugabe, und aus meinem Radio tönt: «Es war ein schöner Tag, der letzte im August, die Sonne brannte, als hätte sies gewusst … Und es war Sommer …»

Ja, er war schön, rätselhaft und verregnet.

Dossier: Alle bisherigen Notabene-Beiträge von Chris von Rohr, Peter Bichsel, Peter Scholl-Latour und Helmut Hubacher.

Auch interessant